Hamburg: 25.07.2019

Autor: Lisa Lange

Die innovative Kraft des Zufalls

Auf dem Weg zu großen Erfindungen stoßen Menschen zufällig immer wieder auf noch bedeutendere Ideen. Die Lehre: Beharrlichkeit zahlt sich aus - wenn auch nicht so, wie geplant. Ein Lob des Umwegs.

Kontinent gesucht

1492 sticht Christoph Kolumbus gen Westen in See, um Indien zu finden. Stattdessen landet er mit der Santa Maria am 12. Oktober vor den Bahamas und schenkt Europa die Neue Welt: Amerika.

Goldene Tellerchen

1708 soll der Alchimist Johann Friedrich Böttger für August den Starken unter Androhung der Todesstrafe Gold herstellen. Er zermalmt Tonerde mit Quarz und Feldspat. Heraus kommt zwar kein Gold, dafür aber das erste Porzellan, made in Germany. Der Kurfürst schenkt Böttger das Leben und verlegt die Herstellung des weißen Golds in die Albrechtsburg nach Meißen.


Heißer Reifen

1839 experimentiert der Amateurforscher Charles Nelson Goodyear mit einer Schwefel-Kautschuk-Mischung und kippt eine Probe davon versehentlich auf eine heiße Herdplatte. Das Produkt, das aus dem Schlamassel entsteht, kennt heute jeder: Gummireifen. Die nach ihm benannte Firma wird allerdings erst 38 Jahre nach Goodyears Tod gegründet


Petri heil!

1928 Die Entdeckung des Penizillins war ein Zufall. 1928 experimentiert der schottische Mikrobiologe Alexander Fleming in seinem Labor mit Staphylokokken, das sind Krankheitserreger, die beispielsweise bei einer Lungenentzündung vorkommen. Dabei entdeckt er, dass ein Schimmelpilz die Bakterien während seiner Abwesenheit verunreinigt hat – nur weil die Petrischale offenbar nicht sauber verschlossen war. Ein dummer Fehler – aber einer, der in der Folge Millionen Menschen das Leben rettet. Denn als Fleming die unbrauchbar gewordene Probe, kurz bevor er sie schon wegwerfen will, noch einmal unter dem Mikroskop inspiziert, sieht er es plötzlich: In der unmittelbaren Umgebung des Schimmelpilzes haben sich die Krankheitserreger aufgelöst. Seine Schlussfolgerung: Der Pilz muss sehr wahrscheinlich eine bakterientötende Substanz freisetzen. Heute, knapp 90 Jahre nach der Entdeckung des Penizillins, für die Fleming später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist eine Medizin ohne Antibiotika nicht mehr vorstellbar

Darf´s ein bisschen mehr sein?

1938 sucht der Chemiker Roy J. Plunkett für seinen Arbeitgeber, den US-Konzern DuPont, nach einem neuen Kältemittel für Kühlschränke. Seine Idee: eine Mischung aus dem Gas Tetrafluorethylen (TFE) und Salzsäure. Als ausgewiesener Sparfuchs ordert er gleich 50 Flaschen von dem Gas. Und lagert eine davon so lange, bis das TFE von selbst polymerisiert – zur Antihaftschichtsubstanz Teflon. Dass der Kunststoff aus der Raumfahrt stamme, ist dagegen eine bloße Legende.

Ein Lob dem Schokoriegel

1945 macht ein Griff in die Hosentasche Percy Spencer berühmt. Er steht vor einem Magnetron – damit beschäftigt, diese Röhre für die Radarsysteme der US-Army weiter zu verbessern –, als der Schokoriegel in seiner Tasche plötzlich schmilzt. Fasziniert geht er der Ursache auf den Grund und befeuert fortan alle möglichen Lebensmittel mit den Strahlen des Magnetrons. Kurze Zeit später meldet er die erste Mikrowelle der Welt, 340 Kilogramm schwer, zum Patent an.

Eine klebrige On-Off-Beziehung

1968 sucht 3M-Mitarbeiter Spencer Silver nach dem Rezept für einen neuen Superkleber für den Technologiekonzern – stärker als jeder bis dahin bekannte Klebstoff. Das entmutigende Resultat seiner Arbeit: Eine schmierige Masse, die sich auf jede Fläche auftragen, aber auch genauso leicht wieder ablösen lässt. Keiner weiß etwas damit anzufangen – bis ein Kollege von Silver Jahre später nach einem Lesezeichen für seine Notenhefte sucht – die Geburtsstunde des Post-its. Mehr als 50 Milliarden Stück werden inzwischen jedes Jahr davon verkauft.