Hamburg: 25.04.2019

„Wir mussten viel nach Gefühl arbeiten.“

 

Die Hamburger Zahnärztin Roshanak Faraji war zwei Wochen lang für Zahnärzte ohne Grenzen im Einsatz. Eine Aufgabe, die ihre Sicht aufs Leben verändert hat.

„Ich wusste schon im Studium, dass ich einmal für Zahnärzte ohne Grenzen arbeiten will. Vielleicht, weil ich aus einer Familie komme, welche immer Menschen in Not gern geholfen hat, es war jedenfalls mein Herzenswunsch. Heute führe ich eine Praxis in der Dorotheenstraße in Hamburg-Winterhude. Im vergangenen Jahr wurde der Wunsch wieder so groß, dass ich kurzerhand beschloss, nach Namibia zu fliegen. Im Februar dieses Jahres ging es mit der Dentist Without Limits Foundation, kurz DWLF, mit einem Team aus vier Leuten los: einem Technikermeister, meiner Praxismanagerin und einem weiteren Zahnarzt.

Roshanak Farajis Teams während der Reise
Roshanak Farajis Teams während der Reise
Roshanak Farajis Teams während der Reise

Wir flogen nach Windhuk, von dort aus 5 Stunden weiter mit dem Geländewagen in die Kleinstadt Keetmannshoop, unserem ersten Zwischenziel. Dort trafen wir Dr. Chigova, den Leiter der örtlichen Zahnklinik, für die wir im Einsatz waren. Wir bekamen zwei mobile Einheiten zur Behandlung der Patienten vor Ort.

Auf ging es über teils versumpfte, teils stark zerstörte Straßen zu unserer zweiten Station in die Gemeinde Karasburg. Massive Bergketten zeichneten sich am Horizont ab, hier und da liefen Schafe über die karge Graslandschaft. Es waren 40 Grad im Schatten. Uns lief der Schweiß in Strömen von der Stirn.

Die Klinik bestand aus nur einem Raum mit einem Zahnarztstuhl und einer Liege. Patienten saßen oder schliefen auf dem Boden im Flur, manche waren erschöpft und unterzuckert. Sie waren von weit hergekommen und auf die kostenfreie Behandlung durch Dentist Without Limits angewiesen. Sie gehörten zum bitterarmen Teil der Bevölkerung, ein Drittel von ihnen war HIV-positiv.

Roshanak Faraji bei einer Behandlung
klinik in Namibia
Roshanak Faraji bei einer Behandlung

Wir zogen viele Zähne, die vollkommen zerstört waren. Manche Patienten hatte sich Wochen und Monate mit unfassbaren Schmerzen herumgequält, manche wussten nicht einmal, auf welcher Seite der Schmerz überhaupt zu verorten war. Das war traurig. Wir mussten viel improvisieren und nach Gefühl arbeiten, denn es gab ja nicht mal einen Röntgenapparat. So wussten wir manchmal nicht, ob ein Zahn überhaupt angegriffen war.

Einmal konnte ich am schmerzenden Zahn einer Frau überhaupt keine Symptome erkennen, der Zahn schien vollkommen gesund. Jedoch flehte sie mich an, Ihr den Zahn zu ziehen. In Deutschland würde man alles tun, um den Zahn zu retten. Möglicherweise handelte es sich nur um eine Nebenhöhlenproblematik oder einen geschädigten Nerv, ein Schmerz, der wieder abklingen kann. Aber die Frau war am Ende überglücklich, dass ich ihr den Zahn gezogen hatte. Sie fuhr sich mit der Zunge ständig über die Lücke.

Unser Technikermeister fertigte über 30 Interimsprothesen an, welche in Deutschland nur für die Dauer von sechs Monaten gedacht sind. Für die Patienten war das eine lebenslängliche Versorgung. Ich erinnere mich an eine wunderschöne Frau, die gar keine Zähne mehr im Mund hatte. Sie war ganz verzweifelt darüber, dass ihr Sohn sich in der Öffentlichkeit immer für sie geschämt hat, und nun sah sie mit der neuen Prothese wieder so toll aus.

Bei all dem Elend gab es immer auch leichte Momente. Die Mitarbeiter vor Ort haben vieles mit Humor genommen. Manchmal ließ sich der Zahnarztstuhl hochfahren, manchmal aber auch nicht. Die lachten das weg. Ich habe die Kollegen und generell die Menschen in Namibia, als wahnsinnig offen und herzlich empfunden.

Bedrückend für mich war die Behandlung der Kinder. Manche, denen ich einen Backenzahn zog, waren erst zwölf Jahre alt. In Deutschland würde ich eine Wurzelkanalbehandlung machen und den Zahn erhalten. Um das Elend in Namibia zu lindern, sollte es eine bessere Aufklärung über Zucker und gesunde Ernährung in den Schulen geben. Das gaben wir Dr. Chigova mit auf den Weg und ich hoffe, dass er Leute einsetzen kann, die das umsetzen werden.

Frau mit ihrem Kind im Wartezimmer
Roshanak Faraji mit Kindern, die auf ihre Behandlung warten

Der Aufenthalt in Afrika hat mich tief bewegt. Er veränderte meinen Blick auf das Leben. Wir haben es sehr gut in Deutschland und wir wissen das oft nicht zu schätzen. Ich habe sehr viel gelernt in diesen Wochen und gesehen, wie wichtig unser Einsatz für die Menschen vor Ort ist. Das war ein gutes Gefühl und ich weiß, dass es noch viel mehr Orte auf dieser Welt gibt, wo meine Hilfe benötigt wird. Mal sehen, wohin es mich das nächste Mal verschlägt. Eventuell wieder nach Namibia, denn ich bin gegangen, um wiederzukehren.“