Hamburg: 29.08.2019

Autor: Alexander von Tomberg

Uber den Wolken

 

Gemeinsam besser leben: Airbnb, Kleiderkreisel, DriveNow – die Kultur des Teilens boomt. Online-Plattformen verändern die Art, wie wir wohnen, essen, tauschen und uns fortbewegen. Den Sharing-Gedanken hat nun ein deutsch-französisches Startup auf die Flugbranche ausgeweitet. Das Unternehmen Wingly betreibt die erste digitale Mitflugzentrale.

An einem Abend im Mai 2015 setzen sich drei junge Männer zusammen, um ein bisschen Geschichte zu schreiben. Emeric de Waziers, Bertrand Joab-Cornu und der Koblenzer Programmierer Lars Klein vereint die Liebe zur Luftfahrt, Wazier und Joab-Cornu sind selbst Hobbypiloten, Klein ist fasziniert von der Privatfliegerei. Bei aller Liebe zum Fliegen: Eine Sache versteht das Trio nicht. Jedes Jahr bleiben etwa zehn Millionen Sitze in Kleinflugzeugen unbesetzt, und das, obwohl die private Fliegerei für Hobbypiloten eine ziemlich teure Leidenschaft ist. So ergibt Luftfahrt keinen Sinn. Könnte man das Fliegen nicht revolutionieren oder besser demokratisieren? Vielleicht mit den Mitteln der digitalen Welt? Wie wäre es mit einer Online-Plattform, die Privatpiloten die Möglichkeit bietet, Passagiere mitzunehmen um somit die Flugkosten zu teilen – und den Spaß am Fliegen?

Bertrand Joab-Cornu, COO
Emeric de Waziers, CEO
Lars Klein, CTO

Schwerer Start in Frankreich
Ein paar Wochen später gründen die beiden Ingenieure und der Programmierer die Online-Mitflugzentrale Wingly in Frankreich. Über die Plattform kann der User zunächst einmal nur Rundflüge von Privatpiloten buchen. Doch der Start des jungen Unternehmens wird ausgebremst – zu hohe Auflagen. Wingly bekommt keine Lizenz. Dennoch lassen die Gründer sich nicht entmutigen: Sie wechseln nach Deutschland, wo die Bedingungen nicht ganz so streng sind. Der Erfolg lässt nicht auf sich warten.

Mittlerweile haben sich 15.000 Piloten aus Europa registrieren lassen und fliegen unter anderem in Frankreich, Deutschland und Großbritannien rund 3.000 Städte an. 300.000 Mitglieder nutzen die Angebote, also Nutzer, die sich ebenfalls auf der Plattform registriert haben.

Die Demokratisierung der Luftfahrt soll nicht nur Spaß machen, sondern auch erschwinglich sein. Auch Streckenflüge sind im Portfolio von Wingly. So kostet beispielsweise ein Flug von Frankfurt am Main nach Hannover rund 50 Euro und dauert nur eine Stunde. Zum Vergleich: Mit dem Zug ist der Reisende fast drei Stunden unterwegs und zahlt rund 80 Euro ohne Ermäßigung. Die Kosten werden genau zwischen den Piloten und den Passagieren aufgeteilt. Eine Win-Win-Situation, denn Fliegen ist ein teures Hobby: Flugzeug-Miete, Flugplatz-Gebühr und Sprit gehen ins Geld.

Wie eine Mitfahrgelegenheit
Wingly will kein Ersatz für klassische Airlines sein, sondern stellt den Freizeitgedanken des Fliegens, also zum Beispiel klassische Rundflüge oder Tagesausflüge, in den Vordergrund. Viele Piloten wollen einfach nur in die Luft. Sie halten daher nicht unbedingt an ihrer Flugstrecke fest. Als Passagier kann man zusammen mit dem Piloten seine Wunschroute planen. Fliegen wird so zum gemeinsamen Erlebnis und auch preiswerter, weil sich alle, inklusive Pilot, die Kosten untereinander gleich aufteilen.

Viele Piloten wollen einfach nur in die Luft.

Auf der Website veröffentlicht der Pilot seine Flugroute und Abflugzeit und wer mitfliegen möchte, bucht über die Plattform oder die App auf dem Smartphone. Angeboten werden in den meisten Fällen Maschinen mit vier Sitzen, wovon ein Sitz der Pilot belegt. Deswegen sind zumeist maximal drei Mitflieger möglich. Bilder und Erfahrungsberichte anderer Passagiere erleichtern die Auswahl.

Der Launch in Frankreich klappt
2016 öffnet sich dann auch der Markt für das Start-up in Frankreich. Der Einwand der Zivilluftfahrt wird widerrufen: Die europäischen Vorschriften gestatten es nun Privatpiloten, ihre Flugkosten mit Passagieren zu teilen. Wingly verlegt daraufhin seine Zentrale nach Paris.

Mitgründer Lars Klein blickt stolz auf die Entwicklung des Unternehmens: „Wir sind sehr zufrieden“, sagt der Programmierer. „Nun bieten wir europaweit Rundflüge, Tagesausflüge und Streckenflüge an.“ Allerdings betont er, dass Geschäftsleute die Plattform nicht mit einer kommerziellen Fluglinie verwechseln sollten. „In der leichten Luftfahrt ist man stark von klaren Wetterverhältnissen abhängig, deswegen nennt man das auch Schönwetterfliegerei. Die Piloten fliegen nach Sichtweite“, sagt er. Das mache Streckenflüge mit einem fixen Termin schwierig. Einen Rundflug könne man problemlos verschieben, einen Geschäftstermin nicht. Wingly hat zwar auch Privatpiloten, die über eine Instrumentenflugberechtigung verfügen und auch bei Regen oder Nebel starten dürfen – eigentlich ideal für Businesskunden, die einen Langstreckenflug brauchen – aber es gäbe im Moment noch zu wenig Piloten mit dieser Lizenz.

Die Gründer achten darauf, dass die strengen Sicherheitsbestimmungen der Luftfahrt auch für die Benutzer der Mitflugzentrale eingehalten werden: Die Privatpiloten registrieren sich selbst auf der Plattform. Ihre Fluglizenz, Personalausweis und das medizinische Tauglichkeitszeugnis werden von Wingly auf Gültigkeit überprüft. Die Maschinen leihen sich die Flieger bei einem Verein, der für sie ebenfalls professionell wartet. Ein gewisses Risiko bleibt jedoch für den Fluggast: Immer wieder kann es passieren, dass ein Flug ausfallen kann, falls es eine Reparatur gibt oder das Wetter nicht mitspielt. „Ein Rundflug im Nebel macht neben dem Sicherheitsaspekt auch einfach keinen Spaß“, sagt Klein.

Kleine Maschine von Wingly
Ausblick aus der Maschine
Erlebnis im Cockpit

Routine für Piloten
Darüber hinaus haben die Privatpiloten noch einen weiteren Vorteil durch die Vermittlung der Mitflugzentrale: Durch die vielen Flugstunden gewinnen sie immer mehr Routine am Steuer, und die ist wichtig, denn alle zwei Jahre müssen Hobby-Piloten ihre Lizenz verlängern. Nach den gesetzlichen Vorgaben müssen sie mindestens zwölf Flugstunden, Starts und Landungen vor der Verlängerung absolviert haben.

Ein nächstes Ziel haben die Macher von Wingly schon ausgemacht: „Wir wollen noch mehr Länder für unsere Plattform gewinnen“, sagt Klein. „Besonders Piloten und Flugbegeisterte aus Südeuropa, wie zum Beispiel in Italien und Spanien, wo es einfach schöneres Wetter gibt und oft die Sonne scheint“.

Die Expansionslust kennt eigentlich keine Grenzen. Bis auf die Vereinigten Staaten. Diesen Markt zieht das Team erst einmal nicht in Betracht. Ausgerechnet im Mutterland von Sharing-Giganten wie Airbnb und Uber wird ihre Mitflugzentrale als kommerziell eingestuft – und deswegen nicht erlaubt.

Über Wingly:
Wingly ist ein Pariser Start-up, das eine Online-Plattform anbietet, die Hobby-Piloten und Flug-Begeisterte miteinander verbindet. Die Mitflugzentrale wurde 2015 auf dem Prinzip der Sharing-Economy von dem Deutschen Lars Klein und den beiden Franzosen Bertrand Joab-Cornu und Emeric de Waziers gegründet. Angeboten werden Rundflüge, Tagesausflüge sowie auch Streckenflüge innerhalb Europas. Mittlerweile gibt es rund 300.000 registrierte Mitglieder. www.wingly.io/de