Hamburg: 25.01.2018

Autor: Andin Tegen

„Im Digitalen sind uns Schüler oft voraus“

Gymnasium Hamburg Ohlstedt, Informatikraum, ein Donnerstagnachmittag. Oskar und Max sind beide 14 und das, was Experten Digital Natives nennen – Angehörige der „Generation Digitalisierung“. Ihr Lehrer Tim Doliesen ist 40, technikaffin – und trotzdem immer wieder überrascht, wie selbstverständlich seine Schüler sich im Digitalen bewegen. Was können Erwachsene von ihnen lernen – und gibt es in der digitalen Welt eigentlich noch Fragen, bei denen die Jungen die Hilfe von Älteren brauchen?

Außen Siebzigerjahre, innen Zukunft: Am Gymnasium Ohlstedt diskutiert Lehrer Tim Dolliesen mit seinen Schüler den digitalen Alltag.
Tim Dolliesen, Schüler Oskar und Max: "Viele Erwachsene haben den Umgang mit digitalen Medien erst spät gelernt.“

Wie oft seid ihr täglich im Netz?

Oskar: Direkt nach der Schule und dann wieder nach dem Sport bis 22 Uhr. Aber ich habe auch einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem ich Games teste und kritisiere. Ich finde es toll, wenn die Leute mir gute Kommentare schreiben, das motiviert mich. Wenn sich Werbepartner dafür interessieren, könnte das ja auch eine gute Nebenerwerbsquelle sein.

Max: Also ich unterhalte mich gern erstmal mit meiner Mutter, wenn ich nach Hause komme. Dann schaue ich Filme auf Netflix, suche nach neuen Games, Lifehacks oder Comedians auf Youtube. So ungefähr drei Stunden bin ich im Netz. Ich lese aber auch gern Bücher, zuletzt die Sagen des klassischen Altertums und die Nibelungensage. Bücher motivieren mich mehr als ein E-Reader, weil man da nie sehen kann wie weit man gekommen ist.

Wie gehen eure Eltern mit digitalen Medien um?

Oskar: Mein Vater kann einigermaßen programmieren. Meine Mutter verzweifelt schon, wenn sie eine Datei in den richtigen Ordner schieben soll.

Max: Meine Mutter schaut nur Filme im Netz oder mailt.

Was können Erwachsene von Kindern und Jugendlichen über das Netz und die digitale Welt lernen?

Tim Doliesen: Viele Erwachsene haben den Umgang mit digitalen Medien erst spät gelernt. Einige von ihnen sind überfordert von den Möglichkeiten, die das Netz bietet. Sie verzetteln sich bei ihrer Recherche, können nicht gut abschalten, beantworten jede Whatsapp-Nachricht sofort. Im Digitalen sind ihnen Schüler oft um einiges voraus: Nicht selten höre ich, dass sie das Handy vorm Schlafengehen freiwillig aus dem Zimmer legen, damit sie nachts nicht noch Nachrichten beantworten.

Max: Stimmt. Ich schalte das Handy nach der Schule meistens auf stumm. Es nervt, wenn zu viele Leute etwas von einem wollen.

Oskar: Ich bin wirklich viel im Netz, aber es geht in unseren Klassenchat auch mal nur um Fragen zu Mathehausaufgaben und sinnlosen Kram. Das ist langweilig und da schalte ich auf stumm.

Tim Doliesen: Die Jugendlichen sind durch ihren Umgang mit den digitalen Medien daran gewöhnt, mehrere Dinge parallel zu machen. Das ist eine Kompetenz, die im schnellen Arbeitsleben immer mehr gefordert wird. Sie schaffen es oft besser als ihre Eltern, dabei konzentriert zu bleiben. Allerdings ist es wichtig, dass die Eltern einen Blick auf das Nutzverhalten haben. Sie müssen ständig mit dem Kind in Kommunikation darüber sein, was es im Netz so macht und das digitale Verhalten des Kindes beobachten. Dazu gehört Vertrauen und ein gutes Verhältnis zwischen Eltern und Kind.

„Ich schalte das Handy nach der Schule meistens auf stumm. Es nervt, wenn zu viele Leute etwas von einem wollen.“ (Max)

Leidet das Leseverhalten nicht unter der Digitalisierung?

Max: Nee! Wenn wir etwas über griechische Götter lesen, dann ist das doch spannend! Ich seh´ dann, wie viel Wahrheit in einem Marvel-Superheldenfilm steckt. Die Figuren basieren ja zum Teil auf griechischen und nordischen Mythologien.

Oskar: Ich verbessere zum Beispiel durch Computerspiele mein Englisch. Dabei kommuniziere ich über Voicechat mit Menschen aus ganz Europa.

Wie recherchiert ihr für Klassenarbeiten oder Referate?

Oskar: Wenn ich etwas über Vulkane für die Schule wissen will, hol ich mir die Infos aus dem Netz, nicht aus der Bücherei.

Reicht das heute?

Oskar: Naja, ich nutze seriöse Quellen bei denen der Autor oder der Webseiten-Betreiber bekannt ist: Spiegel, Zeit oder GEO zum Beispiel. Wikipedia nutze ich nur für einen Überblick. Das würde ich auch nie als Quelle angeben.

Tim Doliesen: Für das Grundwissen reicht es erstmal aus. Dass nicht jede Zahl bei einem Wikipedia-Eintrag stimmt, ist meinen Schülern nun hinlänglich bekannt. Hoffentlich auch den Eltern!

Wie nutzen Sie als Lehrer Kommunikationsmittel wie Whatsapp?

Tim Doliesen: Ich bin nicht der Durchschnitt, weil ich mich schon früh mit Informatik und digitalen Medien befasst habe. Aber es gibt schon Unterschiede. Ich chatte nicht mit Freunden, sondern rufe sie an. Ich antworte auch nicht sofort auf Mails. Manchmal auch gar nicht.

Warum ist es für Sie so wichtig, Schülern Medienkompetenz beizubringen?

Tim Doliesen: Weil fast jeder Schüler heute Zugang zum Internet und ein eigenes Smartphone hat. Da müssen wir sie für Themen wie Cybermobbing, Datensicherheit oder Verifizierbarkeit von Fakten sensibilisieren. Aber auch Eltern haben Beratungsbedarf. Sie haben oft falsche Vorstellungen vom Umgang mit digitalen Medien. Für sie ist es hilfreich, wenn ihr Kind über das Netz so gut wie möglich Bescheid weiß. Sie müssen in Verbindung mit ihren Kindern bleiben und sich über das Thema austauschen.

Aber auch Eltern haben Beratungsbedarf. Sie haben oft falsche Vorstellungen vom Umgang mit digitalen Medien.
(Tim Doliesen)

Max hat seit seinem 11. Lebensjahr ein Handy.
Wenn er etwas über Vulkane für die Schule wissen will, holt er sich die Infos aus dem Netz, nicht aus der Bücherei, sagt Oskar.

Seid ihr schon in Berührung mit Cybermobbing gekommen?

Max: Nicht direkt, aber ein Mädchen in unserem Klassenschat wurde einmal gemobbt. Sie war eher schüchtern, hatte im Chat aber so eine beleidigende Art. Da wurde sie aus dem Chat gekickt und dann folgte ein Shitstorm. Irgendwann waren die Eltern alarmiert und es gab ein großes Drama. Einige Klassenkameraden bekamen eine Vorwarnung von der Schule.

Hat sich das Konfliktverhalten grundsätzlich verändert?

Tim Doliesen: Ja, einige Konflikte schaukeln sich regelrecht hoch. Das macht sich deutlich in den Chats. Wenn ich „Idiot“ schreibe, empfindet man das online als Beleidigung. Wenn ich es direkt sage, kommt die Botschaft zu 80 Prozent auf nonverbaler Ebene. Dann kann es durch Gestik und Mimik nur locker oder lustig gemeint sein. Heute müssen wir als Lehrer noch stärker als früher nachforschen, wie es zu einem Konflikt kam und ob ein Opfer wirklich ein Opfer ist und der Täter wirklich nur der Täter.

Oskar: Man schreibt einfach aggressiver im Chat. Da trauen sich selbst Schüchterne mehr.

Die Entwicklung lässt sich nicht mehr rückgängig machen, oder?

Tim Doliesen: Ja, aber man kann lernen damit umzugehen. Eltern warten oft nicht ab und gehen zu schnell auf diese Konflikte ein. Sie beschweren sich – im schlimmsten Fall tragen sie die Konflikte dann noch untereinander aus. Das verstärkt die Wirkung eines Konflikts. Es ist Aufgabe der Schule genau darauf einzugehen, Schüler und Eltern dafür zu sensibilisieren wie Botschaften im Netz ankommen.

Gibt es einen Bereich in der digitalen Welt, den Jugendliche noch nicht durchschauen?

Tim Doliesen: Ja, sie fallen manchmal auf Werbetricks rein. Die Schüler werden getrackt und bekommen Werbung. Dann kaufen sie das, was ihnen direkt angeboten wird, ohne zu vergleichen.

Oskar: Ich mag Werbung, die auf mich zugeschnitten ist. Ich bekomme zum Beispiel bei einem Elektroanbieter zehn Prozent Rabatt auf ein Gerät, das ein anderer Hersteller für weniger anbietet.

Tim Doliesen: Ich weiß, was Du meinst – aber da liegst Du falsch. das Angebot gilt nur für Anbieter, die Ladengeschäfte haben. Das ist also auch nur so ein Werbetrick.

Es gibt also noch Lernbedarf?

Tim Doliesen: Ja, und genau hier können Eltern gut mitarbeiten. Indem sie sich mit ihren Kindern über die Entwicklung des Webs auf dem Laufenden halten und wichtig: viel hinterfragen. Oft reicht es schon, wenn eine Sensibilität für das Thema entsteht.

Sperren Eure Eltern manche Seiten?

Oskar: Nee. Die vertrauen mir. Max: Ich habe seit meinem 11. Lebensjahr ein Handy und das durfte ich nutzen wie ich will.

„Ich habe seit meinem 11. Lebensjahr ein Handy und das durfte ich nutzen wie ich will.“
(Max)