Hamburg: 25.10.2018

Autor: Viktor Szukitsch

Von wegen Zukunftsmusik: So hilft künstliche Intelligenz schon heute.

 

KI spielt eine immer größere Rolle in unserer Welt – nicht als Konkurrenz zum Menschen, sondern als Partner. Drei Beispiele für gute Zusammenarbeit.

 

Eine klare Definition des Begriffes „künstlicher Intelligenz“ ist schwierig. Der Begriff meint je nach Kontext oft ganz andere Dinge: Maschinen, die selbstständig lernen, Roboter, die menschliches Verhalten imitieren, Computer, die ein Bewusstsein ihrer eigenen Existenz besitzen.

Eines jedoch weiß jedes Kind: Künstliche Intelligenz ist die Zukunft. Und als solche hat sie etwas Mysteriöses. Wir wissen nicht, wie unsere Welt mit KI aussehen wird und stellen uns daher alles Mögliche vor. Manche sehen eine Zukunft ohne harte Arbeit und schwere Krankheiten voraus. Andere haben eher Szenen aus Matrix und dem Terminator vor Augen.

Es ist jedoch gar nicht nötig, dass man frei fabuliert. KI ist nämlich längst kein reines Zukunftsthema mehr. Die Technologie verändert unsere Welt schon heute. Beinahe jeden Tag liest man von neuen wissenschaftlichen Durchbrüchen, bisher unbekannten Anwendungsgebieten und Produktneuheiten, die bereits künstliche Intelligenz besitzen – egal nach welcher Definition.

Wir stellen hier drei Beispiele vor, die zeigen, dass KI schon heute Teil unserer Welt ist. Und wer weiß: Vielleicht lässt sich daraus ja etwas darüber ableiten, wie unsere Zukunft aussehen wird.

Lesen im gemischten Doppel

Die Welt der Bücher ist voller faszinierender Figuren. Das Lesen selbst ist jedoch eher eine einsame Angelegenheit: Man muss dafür allein sein können - und kann sich danach nur selten mit jemanden über das gerade Gelesene austauschen. Vor allem bei Kindern kann dies dazu führen, dass sie Bücher links liegen lassen – und es darum schwerer in der Schule haben.

Wissenschaftler an der Universität von Wisconsin haben nun einen Roboter entwickelt, der Kindern beim Lesen Gesellschaft leisten soll. Minnie, wie die Forscher ihre Erfindung getauft haben, hört angeregt zu, wenn man ihm vorliest, und reagiert emotional auf die beschriebenen Szenen. „Oh, da kriege ich richtig Angst“, sagt er zum Beispiel an besonders gruseligen Stellen und bestätigt das Kind damit in seiner eigenen Wahrnehmung. Und wenn das erste Buch durchgelesen ist, schlägt Minnie – passend zum Geschmack des Kindes – neue Werke vor.

Da sich die Intelligenz des Roboters nur an Kindern beweisen muss, die weniger kritisch sind und schneller emotionale Bindungen knüpfen, spielt die vergleichsweise geringe Komplexität der KI nur eine untergeordnete Rolle. Die Kinder bauen auch so eine Beziehung zu Minnie auf, nehmen seine Äußerungen ernst und – das Wichtigste – haben plötzlich deutlich mehr Spaß am Lesen.

Chemie 4.0

Technische Innovationen basieren heutzutage oft auf Neuerungen in der Chemie. Ohne neue Chemikalien wären viele Produkte zum Beispiel in der IT-Branche undenkbar. Chemiker sind darum unentwegt auf der Suche nach unbekannten Molekülen. Bislang eine mühsame Aufgabe, die nur langsam vorangeht, weil fast unendlich viele Kombinationen möglich, nur die wenigsten jedoch sinnvoll sind.

Nun haben Wissenschaftler der Universität Glasgow einen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Syntheseroboter entwickelt, der diese Arbeit schneller und effizienter ausführt als Menschen es je könnten. In einem Test wurden dem Roboter 18 chemische Verbindungen als Ausgangsstoffe zur Verfügung gestellt. Bereits nach der Untersuchung von nur zehn Prozent der damit möglichen Kombinationen konnte das System mit hoher Genauigkeit voraussagen, welche weiteren Kombinationen zu neuen Reaktionstypen und Molekülen führen würden.

Professor Lee Cronin, der die Forschung leitet, verspricht sich von der neuen Technologie, dass sie schneller, sicherer, günstiger und umweltfreundlicher ist als herkömmliche Herangehensweisen. Mehr noch: Die Erfindung kann der Chemie den Weg in das digitale Zeitalter ebnen, in der Wissenschaftler und Roboter Seite an Seite an neuen Entwicklungen forschen.

Meine Katze, die Altenpflegerin

Wie auch immer die Zukunft aussehen mag, sie wird auf jeden Fall von viel mehr alten Menschen bevölkert sein als unsere Gegenwart. Das heißt auch: Es braucht neue Technologien, um Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Die ersten Produkte dieser Art sind schon heute in der Entwicklung oder sogar im Einsatz. In Japan unterstützt der sogenannte Robot Nurse Bear“ menschliche Pfleger bei den körperlich anstrengenden Aspekten ihres Berufs, vor allem dem Umdrehen, Aufrichten und Tragen von Patienten (https://www.youtube.com/watch?v=dCfW3UO6O0w).

Noch Intelligenter ist ElliQ. Bei dem Gerät handelt es sich um einen smarten Speaker, der speziell auf die Bedürfnisse ältere Menschen angepasst ist. Er erinnert seinen Besitzer an Termine, dient als Interface für Telefonate und Chats und kann auch selbst Gesellschaft leisten. Durch seinen beweglichen Kopf und sein hündchenhaftes Äußeres fühlt sich ElliQ deutlich lebendiger an als Alexa Co.

Die Herausforderungen in der Entwicklung sympathisch-lebensechter, intelligenter Pflegeroboter befördern auch die Bildung ungewöhnlicher Teams. So kooperieren heute Wissenschaftler an der Brown Universität mit dem Spielzeughersteller Hasbro. Gemeinsam arbeitet man an einer Robo-Katze, die smart genug ist, um zum Beispiel in die Richtung der Herztabletten zu gestikulieren, wenn der Besitzer die Einnahme vergessen hat. Brown steuert das nötige wissenschaftliche Know-How bei. Hasbro – denen die Welt unter anderem den Furby zu verdanken hat – ihre Erfahrungen mit emotionalem Design.

Lese-Partner für Kinder, Digitalisierung der Chemie oder Pflegeroboter: Diese Helfer sind der Anfang der KI-Revolution. Was sie heute schon eindrücklich zeigen: Die Zukunft wird nicht als Kampf zwischen künstlicher Intelligenz und dem Menschen ablaufen – nicht KI gegen den Pfleger oder KI im Kampf mit dem Wissenschaftler. Stattdessen wird künstliche Intelligenz eine integrale Rolle als gleichberechtigter Partner spielen. Sie passt damit zum Credo der Health AG: Gemeinsam besser werden.