Hamburg: 21.12.2016

Autor: Andrea Meinecke

Der Hochhinaus-Denker

Seit Uwe Neumann die Kunsthalle Rostock leitet, ist das Haus erfolgreicher denn je. Das liegt auch an der guten Zusammenarbeit mit seinem Team – dessen Gunst sich der einstige Zahnarzt erst verdienen musste.

Manchmal, wenn es die Zeit zwischen Besprechungen, Empfängen oder Verhandlungen zulässt, taucht Uwe Neumann in den Gespensterwald ein.

Dann geht er in den unteren, von gleißendem Tageslicht erfüllten Raum der Kunsthalle Rostock und schaut sich ein Bild von Andreas Mühe an: ein nächtlicher Wald, durch dessen zweiglose Stämme ein eiskalter Mond scheint. Weit im Hintergrund schimmert das Meer, am Strand kehrt ein splitternackter Mann dem Betrachter den Rücken zu. Romantisch schön, voller Würde ist die Stimmung. Ein bisschen wie bei Caspar David Friedrich. Bei näherem Betrachten erkennt man dann genauer, was der leicht gekrümmte Mann da eigentlich macht.

Zuhören, Diskutieren, Entscheiden: Uwe Neumann kam als Fachfremder zu Kunst…
… und musste als frisch ernannter Direktor dennoch am Ende die wegweisenden Entscheidungen fällen.

Er pinkelt.

Dieser Bruch haut Uwe Neumann jedes Mal wieder aufs Neue um.

Neumann liebt Brüche, nicht nur in der Kunst. Den letzten erlebte der 55-jährige Direktor der Kunsthalle Rostock vor etwa zehn Jahren, als sein Bruder starb. Er stellte sich Fragen nach dem Sinn und der Endlichkeit des Lebens.

Was er tat, überraschte viele. Er verkaufte seine Zahnarztpraxis, die er 15 Jahre lang erfolgreich geführt hatte.

Wohin die Reise jetzt gehen sollte? Neumann hatte keinen Schimmer. Vermutlich war das die Bedingung, um an einem neuen Ziel anzukommen. Neumann wurde Leiter der Kunsthalle Rostock.

Er kannte den ewigen Zwist um das Haus. Zu DDR-Zeiten kamen noch mehr als 100.000 Besucher jährlich, zu Beginn des neuen Jahrtausends gerade mal 30.000. Neumann sah die von der Stadt geplante Schließung bereits kommen. Da verfasste er mit Freunden ein Betreiber-Konzept auf Basis eines privaten Trägervereins. Eine künstlerische Ausbildung hatte er nicht, neben seiner Liebe zur Kunst hatte er einfach Lust auf die Herausforderung. Der umtriebige Zahnarzt, mit den Kontakten in die Wirtschaft, überzeugte – und bekam das Amt.

Auf Enthusiasmus folgte Ernüchterung, als Neumann seine neue Aufgabe genauer betrachtete. „Das Haus hatte keine Energie, es war unaufgeräumt, grau, es fehlte jede Liebe zum Detail“, erinnert er sich. Neben einer maroden Struktur fand er auch noch eine frustrierte Belegschaft vor. Einige von ihnen erlebten die Höhen und Tiefen des Hauses schon seit DDR-Zeiten mit: sie kannten Kuratoren, die den Zeitgeist nicht erkannten, sinkende Besucherzahlen, Unterfinanzierung, sie hatten unter Senatoren gearbeitet, die ihre Einnahmen prüften, sich in Produktionen einmischten und jede Selbstbestimmung im Keim erstickten „Die waren einfach skeptisch als ich kam“, sagt Neumann. Und dann sagte ein Fachfremder ihnen auch noch, wo es langgehen soll.

Neumann, groß und schmal, die Haare schulterlang, steht vor dem zweigeschossigen Glas- und Beton-Kubus aus DDR-Zeiten, der nun sein Lebenswerk ist. In den hübschen Teich davor ließ er mal ein halbes Haus versenken, die Installation einer dänischen Künstlerin.

Damals, als er kam, muss sein Veränderungswille wie ein Tsunami über die Mannschaft gefegt sein: „Wir haben erst mal zugestellte Rundgänge im Museum freigestellt, Klarheit in die alte Struktur gebracht, die Fensterfront verändert“, sagt er und beschreibt damit die Öffnung des Museums nach draußen hin, was gleichzeitig symbolisch klingt. Er spricht über die Überdachung für ein Artrium, die Konstruktion eines acht Meter hohen Raums und die Wände, die er alle streichen ließ.

Neumanns Führungskonzept mit Mitarbeitern: Zuhören. Engagement wertschätzen. Verantwortung delegieren.

Doch was anfangs nicht immer auf Gegenliebe stieß, überzeugte die Belegschaft nach und nach. Das liegt auch an Neumanns Führungsstil: Er bespricht vieles mit dem Team, fordert Rückmeldung und eigene Ideen, macht klar, dass die Hierarchien bei ihm flach sind und – verteilt neue Rollen.

Der einstige Hausmeister trägt heute den Titel „Leiter Technik und Ausstellungsrealisierung“ und verantwortet die gesamte Abwicklung einer Ausstellung. Neumann profitiert von der langjährigen Erfahrung des 62-Jährigen. Er war auch mal Künstler, kennt viele regionale Kollegen, lädt sie zu sich auf den Bauernhof ein oder bringt ihnen selbstgemachten Saft mit. „Er ist ein guter Vermittler“, sagt Neumann. Zuvor hatte dieses Potential einfach niemand erkannt.

Eng arbeitet Neumann auch mit dem städtischen Kurator Ulrich Ptak zusammen. Der hatte schon damals große Namen wie Christo und Jeanne-Claude ins Haus geholt, „doch das wurde kaum wahrgenommen“, sagt Neumann. Es fehlte an finanziellen Mitteln für das richtige Marketing – und dem Wissen um die Notwendigkeit von Werbung. „Wenn man sich engagiert, um das Haus bekannt zu machen, wenn man Kontakte knüpft, dann geht da plötzlich was“, sagt Neumann. Es habe gedauert, bis alle das verstanden hätten. „Jetzt ziehen wir am gleichen Strang“.

Dieses Teamwork fördert nicht nur den Zusammenhalt, es setzt auch neue Impulse bei den Mitarbeitern frei. Ulrich Ptak etwa überzeugte den britischen Starfotografen Rankin, in der Museums-Halle acht Meter hohe Frauenporträts auszustellen. Rankin war von der Idee und dem Raum begeistert. Erst dann legte er los mit den Bildern. Ptak und er hatten die Idee gemeinsam entwickelt. „Vorher hätte kein Mitarbeiter so hoch hinaus gedacht“, sagt Neumann.

Geht man durch die lichten, von allen Einbauten und Stellwänden befreite Halle, sieht man, dass die Exponate tiefer hängen als in anderen Museen. Alles wirkt nahbarer. „Wir denken für den Besucher“, sagt Neumann und dass er darin eine Parallele zu seinem alten Beruf sieht. „Als Zahnarzt war ich auch für die anderen da“. Im Zentrum steht für ihn auch jetzt der Mensch.

Heute ist Neumann so etwas wie ein Geburtshelfer für die Vermittlung von Kunst. Neulich im Supermarkt dankte eine Kassiererin ihm. „Wofür?“ fragte er. „Dafür, dass Sie jetzt auch Kunst für kleine Leute machen“.

Aufbau einer Ausstellung: Welche Künstler passen zur Kunsthalle?
Was wollen die Rostocker sehen - und was lieber nicht?

Gemeint war die Olsen-Ausstellung, in der es um das Kunst-Phänomen der beliebten Krimikomödie ging. Neumann lud zur Eröffnung auch die ehemaligen Schauspieler ein. Ihn rührte das Kompliment der Verkäuferin.

Es bestärkt ihn in seinem Gesamtkonzept. „Es gibt viele hart arbeitende Menschen, die sich nicht unbedingt mit schweren zeitgenössischen Ausstellungen beschäftigen, und das ist legitim“, sagt er. Mit dem Zulauf eines breiteren Publikums bekommt das Haus aber auch die Besucherzahlen, die bedeutende Bildhauer wie Richard Serra davon überzeugen, in der 200.000-Einwohner-Stadt auszustellen.

Im vergangenen Jahr etwa kamen 70.000 Menschen in Neumanns Haus. Unternehmen richteten Empfänge aus, DJs legten Platten auf, ein paar Neider sprechen noch heute von „Schnittchen-Kultur“. „Ist mir egal, Hauptsache die Leute nehmen uns wahr“, sagt Neumann.

Er hat große Pläne. Gerade träumt er von einer Parklandschaft mit Skulpturen als doppeltem Anreiz, in das etwas abgelegene Museum zu kommen. Ein mehrere Millionen teurer Anbau für die Kunsthalle wurde ihm auch schon genehmigt.

Seine Bilanz: Heute besuchen mehr Menschen die Rostocker Kunsthalle als jemals zuvor.

Wäre er jemals Zahnarzt geworden, wenn er gewusst hätte, dass ihn das alles so erfüllen würde? „Unbedingt“, sagt Neumann nach einer kurzen Pause, „ich wollte immer Mediziner sein. Es ist gut, anderen Menschen zu helfen.“

Das tut Uwe Neumann auch heute noch.

„Schließung: Kunsthalle Rostock am Ende!“

Diese Schlagzeile ist längst vom Tisch.