Hamburg: 30.11.2017

Autor: Andrea Mertes

Vom Führen und Folgen

Pferde sind die besten Co-Trainer: In einem Reitstall bei Kassel lassen sich Führungskräfte von Tieren coachen. Die Vierbeiner folgen nämlich nur, wem sie vertrauen.

Ein kurzes Zaudern genügt, und Guett macht nicht mehr mit. Da mögen seine tierischen Kollegen Lotte und Benny brav den Kopf senken und sich einen bunten Plastikreif um den Hals legen lassen, der Wallach denkt gar nicht daran. Stattdessen behält er das Haupt aufgerichtet und spitzt die Ohren nach vorne. Aufmerksam beobachtet der mächtige Friese die Frau, die vor ihm steht. Sie, ihr Zögern und den Plastikring in ihrer Hand. Guett schnaubt kurz. Staubkörner tanzen im Licht, Anspannung liegt in der Luft. Noch ein Schritt weiter, scheint sein mächtiger Pferdekörper zu sagen, und ich bin weg. Doch dann tut die Frau etwas Unerwartetes. Sie lässt den Plastikreif sinken, wendet sich ein wenig ab und streichelt Nachbarn Benny den Nasenrücken. Guett ist verblüfft. Und neugierig. Er rückt näher. Senkt den Kopf. Empfängt ebenfalls eine Streicheleinheit. Und lässt sich den Plastikring doch noch überstreifen.

Für Gerhard Krebs sind solche Szenen nichts Ungewöhnliches. In seiner Akademie „Horsedream“ mit Sitz bei Kassel bringt der Persönlichkeitscoach seinen Kunden von der Allianz AG bis zum öffentlich-rechtlichen ZDF bei, wie gute Führung geht: als Wechselspiel von Nähe und Distanz. Und als Balance zwischen Durchsetzungskraft und Kooperationsfähigkeit. Guett, Lotte oder Benny sind für ihn die besten Co-Trainer, die er sich denken kann. „Wir als menschliche Trainer halten wir uns bei der Arbeit im Hintergrund und helfen allenfalls bei der Interpretation der Übungen. Ansonsten lassen wir die Pferde machen.“

 

 

„Pferde sind ein idealer Spiegel für unser Verhalten.”

Und die machen das richtig gut. In den 21 Jahren, in denen Krebs mit Pferden arbeitet, hat er erlebt, wie gestandene Manager in der Manege ihren Führungsstil überdenken, weil sie mit ihrem Chefgehabe nicht weiterkommen. Und wie vermeintliche Alphatiere im grauen Anzug erleben, dass sich Vertrauen lohnt. Denn Pferde folgen nur, wem sie vertrauen können. Diese Gewissheit beziehen die mächtigen Tiere jedoch nicht aus Überredung. Sondern aus Beobachtung und Einschätzung ihres Gegenübers. Sie sind komplexe soziale Wesen: Als Herdentiere besitzen sie die natürliche Bereitschaft, Nähe aufzubauen. Als Fluchttiere reagieren sie auf die kleinste Bedrohung mit Distanz. In ihrer sozialen Gemeinschaft kämpfen sie um einen Platz in der Hierarchie. Freiwillig ordnen sie sich nur demjenigen unter, dem sie Führung zutrauen. „Sie sind deshalb ein idealer Spiegel für unser Verhalten“, sagt Gerhard Krebs.

„Pferde haben ein feines Gespür dafür, ob du authentisch bist”

Pferde folgen nur, wem sie vertrauen. Wie aber gewinnt man sie für sich?
In seiner Akademie „Horsedream“ bringt der Persönlichkeitscoach Gerhard Krebs seinen Kunden bei, wie gute Führung geht.
Wer folgt hier wem? Eine Teilnehmerin sucht die Aufmerksamkeit ihrer tierischen Trainingspartner.

Mancher Rationalist der Moderne mag es abwegig finden, sich von Huftieren ausbilden zu lassen. Doch dass Mensch und Tier weniger trennt, als sie verbindet, war schon für den Naturforscher Charles Darwin eine klare Sache. Die Grundzüge ihrer gemeinsamen Ahnenreihe hat der Stammvater der Evolutionslehre vor über 150 Jahren mit seinem Werk „Über die Entstehung der Arten“ beschrieben. Wenn der Mensch ein Produkt der Evolution ist, schlussfolgerte Darwin, dann hat er in der Natur keine Sonderstellung mehr. Er muss als Tier unter Tieren gelten.

Es ist diese gemeinsame Verbindung, auf der das Führungskräftetraining mit Pferden aufbaut. In den Seminaren von Gerhard Krebs sitzen Unternehmensberaterinnen und Ärzte, Handwerker und Personalchefs, ihren Platz haben sie in der Reithalle bezogen, auf Campingstühlen und Holzbänken. Von der Koppel nebenan werden die vierbeinigen Coaches hereingeführt. Jedes Seminar folgt einer festen Struktur. Es beginnt mit dem Beobachten der Tiere und geht weiter über Einzelübungen. Mal sollen die Teilnehmer ein Pferd am Strick über einen abgesteckten Parcours führen, ein anderes Mal eines der Tiere aus dem Gruppenverband lösen und zu sich holen. Immer geht es um die Fragen: Was ist hilfreich, um mein Ziel zu erreichen? Worauf reagiert mein Gegenüber? Und was mache ich, wenn ich mich altbewährten Methoden nicht weiterkomme? „Es gibt kein Richtig oder Falsch“, das ist Krebs wichtig. „Es geht darum, eine Verbindung herzustellen, die echt ist. Pferde haben ein feines Gespür dafür, ob du authentisch

„Der größte Mehrwert am Erlebnis mit den Pferden ist Wohlwollen.”

Und ihre Rückmeldungen kommen an. „Ich muss die Zügel auch mal locker lassen“, sagen die einen. Und die anderen: „Ich muss klarer werden in meinen Ansagen.“ Aha-Effekte auf dem Sandboden der Reithalle: Führen hat nichts mit einer Methode zu tun. Sondern mit einer persönlichen Entwicklung und einer inneren Haltung. Guett, der stolze Friese, und seine Kollegen sind von diesen Erkenntnissen ganz unbeeindruckt. Während die Menschen sich austauschen, haben die Tiere Pause und stehen zum Grasen auf der Koppel. Die Arbeit mit den Menschen ist für sie ein Stressfaktor – so wie es auch die Mitarbeiter belastet, wenn ihr Chef mal wieder den Silberrücken mimt.


Geht doch: Nach einem ausführlichen Kennenlernen folgen die zwei Trainingspferde ihrem neuen menschlichen Partner.
Erstes Kennenlernen: Führungskräftemeeting mit Pferd.
Neugier aus sicherer Distanz: Zu Beginn des Seminars halten beide Parteien noch vorsichtig Abstand.

„Ich lerne, jeden so zu lassen, wie er ist.”

Als er damals anfing, habe er auch noch viel in der Alphatier-Rolle gedacht, gesteht Gerhard Krebs. Mit Dominanz gearbeitet und starke Führung gepredigt. Doch das Leben mit Pferden hat auch ihn verändert. Heute lehrt er, den anderen Raum zu lassen. Ihnen mit Respekt zu begegnen. „Der größte Mehrwert am Erlebnis mit den Pferden ist Wohlwollen. Ich lerne, jeden so lassen, wie er ist. Und ihm mit Wohlwollen begegnen.“ Wer es schafft, diese Haltung vom Stall mit ins Büro zu bringen, wird Veränderungen bemerken. Da gibt Krebs die Hand drauf. „Mir sagen die Teilnehmer häufig, dass die Kommunikation im Team hinterher besser funktioniert. Und sie wissen nicht warum.“ Es ist einfach da. Wie ein Pferd, das plötzlich vor einem steht und den Kopf senkt.