Hamburg: 20.12.2018

Autor: Viktor Szukitsch

„Diggi, ich war noch nie bei meiner Bank“ – zu Besuch beim nachhaltigen FinTech-Start-up Tomorrow

 

FinTech-Start-ups verändern die Art und Weise, wie wir mit unserem Geld umgehen. Finanzgeschäfte werden immer digitaler, mobiler, direkter und – wenn es nach einem kleinen Hamburger Unternehmen geht – nachhaltiger. Ein Blick in die Zukunft des Bankings.

Foto: Viktor Szukitsch

Wo könnte das Hauptquartier von Tomorrow anderes liegen als in der Hamburger Sternschanze? Zwischen teuren Boutiquen und besetzten Gebäuden, vielleicht hundert Meter entfernt von einer während der G20-Proteste zerstörten und nun im Wiederaufbau befindlichen Sparkassenfiliale haben Jakob Berndt, seine Mitgründer Inas Nureldin und Michael Schweikart sowie ungefähr zehn Mitarbeiter zwei Räume im zweiten Stock eines hippen Co-Working-Spaces angemietet – eins für die Post-its und eins für die Programmierer.

Letztere bilden momentan das Herzstück der Firma, denn Tomorrow ist eine dieser Smartphonebanken, von denen in den letzten Jahren gefühlte hundert an den Start gegangen sind. Wie die meisten ihrer Konkurrenten bietet auch dieses Start-up eine App, mit der sich so ziemlich alle Bankgeschäfte mobil erledigen lassen. Seit N26 diesbezüglich Pionierarbeit leistete, sorgte stetig wachsender Konkurrenzdruck dafür, dass Technologie und Benutzererlebnis dieser Anwendungen sich rapide verbesserten. Heute sind eigentlich sämtliche dieser Banking-Apps gleich perfekt. Die von Tomorrow ist da keine Ausnahme.

Ebenfalls nicht ungewöhnlich: Das Unternehmen ist eigentlich nicht selbst eine Bank. Stattdessen nutzt es die Dienste eines sogenannten Banking-as-a-Service Providers – in diesem Fall der solarisBank – welcher die Bankgeschäfte im Hintergrund abwickelt. Das ermöglicht es auch kleinen Playern, auf dem Markt mitzumischen, und erlaubte es Tomorrow zudem, gerade mal ein Jahr nach Firmengründung ihr Produkt zu launchen.

„Wir sind fest davon überzeugt, dass es da draußen eine immense Zahl an Leuten gibt, die in anderen Lebensbereichen schon nachhaltig agieren und nur beim Banking noch konventionell aufgestellt sind.“

Was Tomorrow von seinen Konkurrenten unterscheidet, ist also weder die Technologie, noch die Unternehmensstruktur, und schon gar nicht das schicke App-Design in Hipster-Pastelltönen. Was Tomorrow besonders macht, ist ihr ökologisch-sozialer Auftrag. Auch das ist zwar nichts wirklich Neues: Die GLS verfolgt diesen Ansatz seit über 40 Jahren. Auf dem Markt der Smartphonebanken sind Tomorrow aber ziemlich allein damit. Und zumindest Jakob Berndt – der Marketingexperte im Gründertrio – sieht darum großes Potenzial in dem Projekt.

„Wir sind fest davon überzeugt, dass es da draußen eine immense Zahl an Leuten gibt, die in anderen Lebensbereichen schon nachhaltig agieren und nur beim Banking noch konventionell aufgestellt sind. Diesen Leuten muss man nur noch mal klar machen, dass ganz viele von den netten kleinen Dorfsparkassen um die Ecke extrem viel Dreck am Stecken haben, weil sie bei Rüstung und Massentierhaltung und Braunkohleabbau involviert sind. Und man muss ihnen den Wechsel einfach maximal leicht machen.“

Das Interview findet statt in einem Betahaus-Konfi mit blanken Betonwänden. Eine Karaffe Leitungswasser auf dem Tisch, S-Bahn-Gleise vor dem Fenster. Neben Berndt sitzt Lilli Staack, die erst seit zwei Monaten als Praktikantin bei dem Start-up arbeitet, darum jedoch kein bisschen weniger für die Sache brennt. Berndt: „Ganz viele Menschen in meinem Alter sind gefühlt immer noch bei der Bank, bei der sie ihre Eltern vor 20 Jahren angemeldet haben. Und das ist eigentlich absurd.“

Foto: Viktor Szukitsch
Foto: Viktor Szukitsch
Foto: Viktor Szukitsch

Berndt ist 37, Hamburger, Vater von drei Kindern. Zehn Jahre lang baute er das Unternehmen Lemonaid und ChariTea auf, bis er 2017 als Geschäftsführer abtrat, um sich neuen Abenteuern zuzuwenden. Jetzt macht er also in nachhaltigem Banking statt nachhaltiger Limonade. Dabei sieht er mit seinen hochgekrempelten Jeans und seiner Wollmütze, die er auch drinnen anbehält, nicht gerade aus wie ein typischer Banker. Was bewegt ihn?
Wir - gemeint sind Berndt und seine beiden Mitgründer - haben einfach festgestellt, dass dieser Markt einen unfassbaren Hebel hat. Weil natürlich Milliarden bewegt werden von der Finanzbranche und es letztlich durchaus steuerbar wäre, wohin man diese Gelder leitet oder mit welchem ethischen Kompass man sich an diese Arbeit macht. Und das ist eine Verantwortung, der diese Branche von unserer Warte aus bis dato kaum gerecht wird. Tomorrow ist angetreten, das zu ändern.

„Am Ende fußt das Produkt auf unseren individuellen Wertvorstellungen. Wir glauben, dass ökologische Landwirtschaft besser ist als konventionelle.“

Im Moment drückt sich der moralische Anspruch des Unternehmens vor allem durch eine Blacklist aus, auf der Branchen und Produkte stehen, in die Tomorrow nicht investiert: Rüstung, industrielle Tierhaltung, Spekulation mit Nahrungsmitteln, Atomenergie, Gentechnik und mehr. Bei der Zusammenstellung dieses Katalogs orientierten sich die Gründer an den Parametern bereits existierender Finanzprodukte mit nachhaltigem Anspruch. Dieser Auswahlprozess soll in einem nächsten Schritt noch einmal ausgearbeitet und geprüft werden. Aber Berndt gibt auch zu: „Am Ende fußt das Produkt auf unseren individuellen Wertvorstellungen. Wir glauben, dass ökologische Landwirtschaft besser ist als konventionelle. Wir haben ein Problem mit Massentierhaltung. Und wir sind per se Pazifisten und halten Krieg für falsch.“

Damit habe das Projekt – so Berndt weiter – natürlich durchaus eine politische Färbung. Trotzdem glaubt er, eine breite gesellschaftliche Gruppe ansprechen zu können. „Wichtig ist nur, dass man das transparent darlegt.“

Wenn man Berndt eine Weile zuhört, beginnt man sich unweigerlich zu fragen, warum die Finanzwelt im Gegensatz z.B. zur Energie-, Textil- oder Lebensmittelbranche nahezu ideologiefrei ist. Ausnahmen fallen richtiggehend auf: einige nachhaltige Player; einige christliche Banken, deren Blacklists laut Berndt deutlich liberaler sind als die von Tomorrow; ein patriotischer Fonds namens „Own Germany“, bei dem man zum Miteigentümer von 250 Unternehmen werden kann, „die für uns Deutsche wichtig sind“. Selbst wenn die etwas bescheidenere Rendite, die ideologisch vorsortierte Finanzangebote befürchten lassen, den einen oder anderen Kunden dazu bewegen könnte bei seiner angestammten Bank zu bleiben, scheint das Potenzial für bewusstes Banking doch enorm.

„Wir haben uns vorgenommen, extrem in den Dialog zu gehen.“

Die technologische Komponente des Smartphones könnte hier eine entscheidende Rolle spielen. Noch einmal Berndt: „Wenn ich meinen kleinen Bruder frage, wann er das letzte Mal bei der Bank war, sagt der ‚Diggi, ich war noch nie bei meiner Bank! Ich weiß überhaupt nicht, wer mein Sachbearbeiter ist und ich will mit dem auch gar nichts zu tun haben.’ Der Grad der Interaktion mit deiner Bank nimmt mit dem Smartphonebanking also eher zu“, weil man da live mitverfolgen kann, was das eigene Geld gerade so treibt. Mehr Interaktion bedeutet mehr Bewusstsein für die eigenen Möglichkeiten. Und das ist wiederum die Voraussetzung dafür, dass sich zumindest einige für nachhaltigeres Banking entscheiden.

„Wir haben uns vorgenommen, extrem in den Dialog zu gehen – sowohl beim Thema Anlage als auch zur Entwicklung von Tomorrow als Produkt. Wir legen offen, an welchen Features wir arbeiten, lassen User abstimmen und justieren unsere Entwicklungskurve entsprechend.“

Noch ist diese Kurve ganz am Anfang. Erst im November 2018 ging die App live, jetzt wird nach und nach die Warteliste an Bord geholt. Nächstes Jahr soll das Produkt, bei dem es sich im Moment noch um ein reines Girokonto handelt, um weitere Features ergänzt werden. „Bisher haben wir an revolutionären Sachen nur das Impact Board, bei dem du in Echtzeit sehen kannst, wo dein Geld wirkt. Aber wir wollen jetzt schnell Sachen nachlegen, die Spaß machen – smart investing, smart saving – das steht jetzt an. Das Basisprodukt, das jetzt da ist, noch geiler werden lassen.“