Hamburg: 26.09.2019

Autor: Alexander von Tomberg

Nummer 5 lebt - im Kinderzimmer

 

Das Brandenburger Start-up Kinematics produziert smarte Bausteine – mit Hilfe von Greifsystemen, Minimotoren und Apps erwecken Kinder ihre Kreationen zum Leben. Die Mini-Ingenieure bringen den selbstgebauten Robotern „Tinkerbots“ das Laufen, Rollen und Ausweichen von Objekten bei und lernen dabei spielerisch viel über Digitalisierung, Robotik und das Programmieren.

Können Sie sich daran erinnern, womit Sie als Kind am liebsten gespielt haben? Wenn Sie auch gerne Welten mit den Plastikklötzen eines großen dänischen Spielzeug-Unternehmens erschufen, dann hatten Sie eine ähnliche Vorlage für eine geniale Spielidee wie Leonhard Oschütz. Der Student für Produktdesign an der Bauhaus Universität Weimar sollte für seine Abschlussarbeit eine „Wunschmaschine“ entwickeln. Der Projektname war die einzige Vorgabe und bereitete vielen Kommilitonen von Oschütz Kopfzerbrechen ihn hingegen inspirierte das Thema. Der damals 26-Jährige dachte sofort an zwei Spielsachen, die ihn als Junge immer wieder begeisterten: Lego und Gameboy. Die unendlichen Gestaltungsmöglichkeiten mit den berühmten Bausteinen und die digitalisierten Spielabläufe der handlichen Konsole sollten in seiner „Wunschmaschine“ eine Form finden: smarte Mini-Roboter zum Selberbauen Tinkerbots.

Gründer und Produktdesigner Leonhard Oschütz
Gründer und Produktdesigner Christian Guder

Die Roboter sollen mit den Besitzern mitwachsen.
Leonhard Oschütz entwickelte einen Prototypen, der bei den Professoren die Runde machte: dem Erfinder wird eine Unternehmensgründung empfohlen. „Im Prinzip habe ich den Anspruch, Kinder ganz spielerisch an die Robotertechnik und die Digitalisierung heranzuführen“, sagt Leonhard Oschütz, der sich auch früh für Computerprogramme und Mathematik interessierte. Die Roboter sollen mit den Besitzern mitwachsen. Das sei für ihn entscheidend, damit Mädchen und Jungen nicht nur motorische Fähigkeiten, sondern auch ein Grundverständnis für kreatives Problemlösen entwickeln. Oschütz habe erkannt, dass Programmieren mittlerweile so wichtig wie das Lesen und Schreiben ist. Nur so können die MINT-Studienfächer für neue Generationen attraktiv werden: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Die Grundlagen für Berufe in Bereichen wie künstliche Intelligenz, Robotik und Internet of Things. „Deutschland hinkt bei der digitalen Bildung im internationalen Vergleich deutlich hinterher“, so Oschütz.

Die Klötze können zu beliebigen Roboterfiguren zusammengesetzt werden.
Für die angesprochene Kerngruppe der 5- bis 18-Jährigen sollen die Schwierigkeitsstufen des Programmierens mit dem jeweiligen Alter Schritt halten und Spaß machen, da Tinkerbots viele Möglichkeiten über Software-Schnittstellen besitzen. So lassen sich am Computer unterschiedliche Bewegungen via Python, das ist eine professionelle Programmiersprache, für die kleinen Roboter erstellen.

Ähnlich wie bei Lego besteht ein Tinkerbots-Kasten aus verschiedenen Bauteilen. Es sind aber bei Weitem nicht so viele Einzelstücke und sie sind auch größer und schwerer. Die Klötze können zu beliebigen Roboterfiguren zusammengesetzt werden. Zum Beispiel ein Hund: Wichtig ist immer das sogenannte Powerbrain, ein roter Würfel und das Gehirn der Konstruktion. Dazu kommen noch ein paar weitere Steckmodule, die Gelenke, Greifsysteme und kleine Elektromotoren besitzen. Der Clou: Das Powerbrain steuert die Bewegungen. Dafür muss nur eine Aufnahmetaste am roten Würfel gedrückt werden und der Erschaffer bewegt die Gelenke hin und her. Das Gehirn des Roboterhundes merkt sich die Bewegungen und führt sie nach dem Drücken der Play-Taste wieder aus. So soll der Roboterhund laufen lernen. Klappt es nicht, müssen die Bewegungen neu konfiguriert werden, bis sich der Elektro-Vierbeiner alleine bewegen kann. Mittels Bluetooth verbindet sich das Powerbrain mit einem Smartphone, das danach als Fernbedienung genutzt werden kann. Die App funktioniert auch als Programmier-Tool mittels einer kindgerechten Programmiersprache.

Zusammen mit dem Betriebswissenschaftler Matthias Bürger (welcher mittlerweile nicht mehr im Unternehmen operativ tätig ist) gründen die Produktdesigner Leonhard Oschütz und Christian Guder 2013 ihr Start-up Kinematics mit Sitz in Bernau bei Berlin. Nach einer willkommenen Finanzspritze durch ein Crowdfunding-Projekt geht die smarte Baukasten-Reihe Tinkerbots 2015 in Serienreife. Das Einsteiger-Set kostet knapp 130 Euro.

Mit Lego haben wir einen Burgfrieden.

Dabei stellen die Jung-Unternehmer unter heutiger Leitung von Geschäftsführer Udo Meining fest, dass der größte Markt für die selbstgebauten Roboter im Ausland liegt. „Asien und besonders Russland sind für uns wichtige Abnehmer geworden.“, sagt Oschütz. Auch in Skandinavien, im Baltikum, Spanien und Italien wächst das Interesse an den Roboter-Bausätzen. Deswegen vermarkten die Jung-Unternehmer ihre Mini-Roboter nur über ihre Webseite als Bildungsangebot und nicht als Spielzeug.

Das Team hat sich seit der Gründung mehrere verschiedene Roboterformen patentieren lassen – und sie haben einen Adapter für Lego-Steine entwickelt, um die Roboter kompatibel zum großen Vorbild zu machen. „Mit Lego haben wir einen Burgfrieden“, so Leonhard Oschütz, „Solange wir den Namen nicht explizit erwähnen, ist alles ok.“

Das Team hat sich längst jenseits von Lego einen Namen gemacht. Grenzen kennen die Roboter-Liebhaber eigentlich nicht. Der nächste Scoop ist schon in Planung: die Duplo-Variante der Tinkerbots für 3-Jährige, ganz ohne Smartphone und Computer.

Gut zu sehen: Das Powerbrain in der mitte.
Die Tinkerbots lassen sich auch via App steuern.
Die Klötze können zu beliebigen Roboterfiguren zusammengesetzt werden.

Über Tinkerbots:
Die Produktdesigner Leonhard Oschütz, Christian Guder und der Betriebswissenschaftler Matthias Bürger (nicht mehr im operativen Geschäft tätig) haben 2013 das Start-up Kinematics mit Sitz im brandenburgischen Bernau gegründet. Mit ihrem Roboter-Baukasten „Tinkerbots“ wollen sie Kindern und Jugendlichen die Welt der Robotik und Programmierfähigkeiten näherbringen. So sollen Zukunftstechnologien wie künstliche Intelligenz und Internet of Things in jungen Jahren vertraut gemacht werden.