Hamburg: 19.12.2017

Autor: Philipp Hedemann

Oma und ihre Follower

Janik liebt Märchen, das Internet und seine Oma. Weil die alte Dame so gerne vorliest, filmte er sie dabei und stellte die Lesestunden ins Netz. Aus einer Laune wurde ein Konzept, aus dem Konzept ein Erfolg. Die Geschichte einer märchenhaften Co-Evolution.

 

Der Plot ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Geschichten aus den Märchenbüchern, die Helga Sofie Josefa, alias „Die Marmeladenoma“, erzählt: Ein 15-jähriger Junge filmt seine 86 Jahre alte Großmutter beim Vorlesen und streamt die Märchenstunde live im Internet. Schon bald hat die lesende Oma fast 200.000 Fans und wird mit ihrem Enkel Janik gefeierter und preisgekrönter YouTube-Star. Die Märchen der Marmeladenoma mögen frei erfunden sein, ihre Erfolgsstory ist es nicht. Sie ist das Ergebnis einer ungewöhnlichen Teamarbeit zwischen Alt und Jung, Erzählerin und Technikfreak, Oma und Enkel.

Als Janik mit suchendem Blick den großen Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses betritt, wirkt er wie jemand, der nicht weiß, wohin er soll und nicht im Weg stehen möchte. Dabei sind viele der Gäste nur wegen ihm und seiner Oma hier. Gleich wird den beiden im Rahmen einer festlichen Gala des Deutschen Zentrums für Märchenkultur die Auszeichnung „Goldene Erbse“ verliehen. Neben Janik stützt seine Oma sich auf ihren Rollator. Auch wenn ihr das Gehen schwerfällt, wirkt sie so entspannt als hätte sie ihr ganzes langes Leben vor großem Publikum verbracht.

Dabei hat ihr Enkel sie erst vor wenigen Monaten zum Internet-Star gemacht. Früher besuchte Janik jeden Freitag nach der Schule seine Oma in Ettlingen bei Karlsruhe. Die beiden spielten zusammen mit Lego, und bevor er zu Bett ging, las seine Oma ihm noch ein Märchen vor. Doch irgendwann war der Enkel dem Lego- und Märchen-Alter entwachsen und installierte sich bei seiner Großmutter einen Computer. Von nun an verbrachte Janik immer mehr Zeit vor dem Bildschirm und seine Oma mehr Zeit mit ihren Büchern. Weil er jedoch viel lieber wieder etwas mit anstatt nur neben ihr machen wollte, überlegte Janik sich, wie man sein Interesse für Computer und Omas Leidenschaft für Geschichten unter einen Hut bringen könnte. Die Idee des Märchen-Livestreams war geboren. Weil seine Oma die beste Marmelade der Welt kocht, nannte Janik das Format „Die Marmeladenoma.“ Ein paar Tage später, las die Marmeladenoma das erste Mal vor einem virtuellen Publikum.

„Ich hatte früher eine regelrechte Abneigung gegen das Internet“
(Die Marmeladenoma)

„Am Anfang waren wir ja nur eine kleine schnuckelige Sendung mit ein paar treuen Fans, aber dann kam Gronkh“, berichtet die Marmeladenoma. Es gibt wohl nur wenige 86-Jährige, die wissen, wer oder was Gronkh ist. Die Marmeladenoma hingegen weiß, dass „der liebe Gronkh“ einer der erfolgreichsten deutschen YouTuber mit fast 4,7 Millionen Abonnenten ist. Und dieser Gronkh landete irgendwann zufällig auf dem Live-Stream aus Ettlingen, verliebte sich in die vorlesende Oma und empfahl seinen Fans ihre Märchenstunde auf dem Streamingdienst twitch. Kurz darauf brach die Sendung unter dem Ansturm zusammen. Mittlerweile läuft die Liveübertragung am Samstagabend wieder ruckelfrei, und auf YouTube haben die Marmeladenoma und ihr Enkel, die zum Schutz ihrer Privatsphäre ihre Nachnamen nicht preisgeben wollen, mittlerweile fast 190.000 Abonnenten.

„Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich Dinosaurier da überhaupt noch mitmache. Ich hatte früher eine regelrechte Abneigung gegen Technik, vor allem gegen das Internet“, sagt die Oma, die als junge Frau noch auf Feuer gekocht hat, bis heute keinen Geschirrspüler besitzt („Brauche ich nicht.“), ihr Handy („Also so ein normales, nicht so ein Smartphone.“) ausgeschaltet in einer Schublade aufbewahrt und Musik am liebsten vom Plattenspieler hört. Nur das von Enkel Janik eingerichtete iPad ist mittlerweile zu ihrem unverzichtbaren Arbeitsmittel geworden. Auf dem Tablet liest sie unter anderem ihre digitale Fanpost und schaut sich ihre Märchenstunde nach der Übertragung noch mal in Ruhe an.

Ich glaube, meine Generation ist viel zu technisch. Ich auch.
(Enkel Janik)

Kamera läuft: Am Anfang musste sich die Marmeladenoma erst mal an die Situation gewöhnen.
Die 86-Jährige liest mit Leidenschaft seit jeher alles, was sie in die Hände bekommt.
Inzwischen genießt die alte Dame die Öffentlichkeit.
Und beantwortet täglich Fanpost.

„Ich glaube, dass wir mit jeder Sendung step by step besser werden. Vieles ist ja learning by doing“, sagt die Marmeladenoma, die ihre großmütterlichen Sätze gerne mit ein bisschen Englisch würzt. Livestream, Upload, Follower – vor allem auf die Ausdrücke, die ihr Enkel ihr in den letzten Monaten beigebracht hat, ist sie stolz.

„Janik und ich sind ein tolles Team. Aber ohne einander wären wir nichts“, sagt die Großmutter und schaut ihren Enkel mit einem gütigen Blick, wie ihn nur Omas können, liebevoll an. Durch den Erfolg des Live-Streams baute der Zehntklässler seine Computerskills weiter aus und weiß mittlerweile genau, dass er nach dem Abi „irgendwas mit Technik und Medien“ machen möchte.

Und auch seine Oma wagt sich jeden Tag ein bisschen mehr von ihrer Märcheninsel ins digitale Neuland vor. Viele ihrer Bekannten hingegen leben im Altersheim und wollen am liebsten gar nichts Neues mehr an sich ranlassen. „Das würde mich verrückt machen“, sagt die Seniorin, die lebenslanges Lernen nicht als Zumutung, sondern als Chance begreift. „Offenheit für Neues und Toleranz gegenüber Fremden – das sind zwei ganz wichtige Dinge, die wir Alten von den Jungen lernen können“, sagt die Marmeladenoma.

Doch um von der Jugend lernen zu können, muss die 86-Jährige ihre teilweise über 75 Jahre jüngeren Fans zunächst einmal verstehen. Wenn ihre Anhänger mal wieder Ausdrücke und Abkürzungen verwenden, die (noch) nicht im Duden verzeichnet sind, kommt es bisweilen zu Sprachbarrieren, die die Oma mit Hilfe ihres Enkels jedoch stets überwinden kann. Sich auf deutlich jüngere Menschen einzulassen, heißt für die alte Dame jedoch nicht, ihnen blind nachzueifern. „Ich bemühe mich, die Jugendsprache zu verstehen. Aber ich werde bestimmt nicht versuchen, sie selbst zu sprechen“, sagt die wissbegierige Oma.

„Ich glaube, dass wir mit jeder Sendung step by step besser werden.“
(Die Marmeladenoma)

Wird die bescheidene Großmutter auf ihre alten Tage dennoch zu einer digitalen Rampensau? „Nein. Denn ich bin überhaupt nicht geltungssüchtig, höchstens sendungssüchtig. Ich wollte schon immer mehr Liebe in die Welt bringen. Und ich bin sehr dankbar, dass dank Janik jetzt mehr Menschen meine Botschaft hören können“, so die Oma.

Nach dem Krieg las und hörte sie alles, was sie in die Hände bekommen konnte. „Endlich gab es wieder ausländische Literatur“, berichtet die Baden-Württembergerin, die auch die Schriften Mahatma Gandhis verschlang. „Gandhis mutige Friedfertigkeit, seine bedingungslose Liebe und seine unerschütterliche Selbstlosigkeit haben mich schwer beeindruckt. Er wurde mein großes Vorbild“, sagt die Frau, die sich jahrzehntelang sozial engagierte.

86 Jahre Leben, ein Weltkrieg, vier Kinder, vier Enkel und fünf Urenkel haben in ihrem freundlichen Gesicht tiefe Falten hinterlassen. Doch in ihren Augen blitzt immer wieder die kindliche Neugier und Freude eines kleinen Mädchens auf. Viel ihrer Lebenserfahrung und Lebensfreude gibt sie jetzt an ihre Anhänger weiter.

Fast jeden Tag beantwortet sie handschriftlich ihre Fanpost. Oft fragen die meist deutlich jüngeren Schreiber sie in ihren Briefen nach Rat. Die Marmeladenoma erzählt dann, was ihr langes und nicht immer einfaches Leben sie gelehrt hat. Niemals aufzugeben, ist dabei eine der wichtigsten Lektionen. Einer lebensmüden Frau haben die Briefe der Märchenoma viel neuen Lebensmut geschenkt und sie so gerettet. Doch die Marmeladenoma sieht ihre Korrespondenz nicht als Einbahnstraße. „Die Leute erzählen mir ja auch viel von sich, und ich kann von jedem einzelnen etwas lernen. Das ist eine echte Win-Win-Situation“, so die Großmutter.

„Wir nehmen uns fürs Reden face to face zu wenig Zeit“
(Enkel Janik)

Auch Enkel Janik guckt sich viel von seiner Oma ab. „Ich glaube, meine Generation ist viel zu technisch. Ich auch. Online kommunizieren wir zwar ständig, aber so richtig, in Ruhe und face to face, dafür nehmen wir uns immer seltener Zeit. Da kann ich von meiner Oma noch einiges lernen“, sagt Janik. Seine Großmutter nickt.

Der Enkel und die Oma scheinen einen Generationenvertrag geschlossen zu haben, der ohne Unterschrift, oft sogar ohne Worte auskommt. Schon wenn die alte Dame daran denkt, sich aus dem tiefen Sofa zu erheben, steht Yanik neben ihr, bietet ihr seinen schmalen Unterarm, an dem seine Großmutter sich aufrichten kann. Und wenn ihr zurückhaltender Enkel bei den zahlreichen Interviews und Preisverleihungen um eine Antwort verlegen ist, springt die schlagfertige Oma schnell in die Bresche. Manchmal vielleicht ein bisschen zu schnell. „Ich bin furchtbar impulsiv. Ich sollte mir mal ein bisschen etwas von Janiks Geduld abschauen“, sagt sie dann reumütig.

Ungeduldig ist sie vor allem mit sich selbst. Nach einem Sturz vor drei Wochen fällt ihr das Gehen schwer, eigentlich sollte sie jetzt in einer Schmerzklinik sein. „Aber ich bin einfach abgehauen, um zur Preisverleihung nach Berlin zu fahren. Das ist die viel bessere Medizin“, sagt die zähe Großmutter. Und dann fällt ihr noch etwas ein, was die Jugend von ihrer Generation lernen kann. Zähne zusammenbeißen.