Hamburg: 21.10.2016

Autor: Philipp Hedemann

„Vertrauen gibt es nur auf Vorschuss“

Beim Autozulieferer Allsafe Jungfalk wachsen Chef und Kollegen täglich aneinander. Fallen Mitarbeiter in alte Muster zurück, hängt sich Unternehmer Detlef Lohmann zwei bunte Kärtchen um den Hals. Seine Mitarbeiter wissen dann schon, was ansteht.

Wenn Detlef Lohmann durch seinen Betrieb geht und feststellt: „Ach, alles wie früher!“, dann fühlt er sich mies. Dann plagt ihn das Gefühl, es wäre alles vergebens gewesen.

Morgenrunde: Detlef Lohmann schätzt Mitarbeiter, die selbst denken und entscheiden.

An solchen Tagen hängt Lohmann sich und den Kollegen aus dem Führungsteam bunte Kärtchen um den Hals, dann suchen sie das Gespräch mit den Mitarbeitern. Was so anliegt, ob es Probleme gibt und wie sie damit umgehen wollen. Die Chefs hören zu, nicken, fragen nach. Am Ende eines solchen Tages ist Lohmann wieder wohlauf: Geht doch!

Lohmann will Mitarbeiter, die selbst denken und selbst entscheiden. Und nicht bei jedem Problem zu ihrem Vorgesetzten laufen. Nicht alleine, sondern gemeinsam mit ihnen will er täglich besser werden. „Als ob Chefs alles besser wüssten!“ Wer sich allwissend gibt, frustriere gerade die guten Mitarbeiter und bremse deren Initiative aus. Lohmann will sie belohnen, indem er sie selbst denken und entscheiden lässt.

Lohmanns Credo: Alle Beteiligten bringen sich ein, mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und ihren Interessen. Und alle entwickeln sich weiter – nicht alle auf gleiche Weise, aber sie befruchten sich mit Ideen und Anregungen.

Voraussetzung dafür: Lohmann muss als Chef sein Wissen mit den Mitarbeitern teilen.

„Diese Art der Evolution passiert jeden Tag“, sagt Lohmann. „Wir reagieren darauf, was um uns herum passiert und uns prägt – und das bringt uns weiter.“ Weiter auf dem Weg zu selbstständigen Mitarbeitern, das ist sein Ziel. Was Lohmann unterwegs festgestellt hat: Solche Mitarbeiter verändern auch seine eigene Rolle, sein Selbstverständnis als Chef und Unternehmenslenker. Evolution heißt eben auch: im Austausch gemeinsam Wissen und Erfahrungen sammeln.

Lohmanns erste Erfahrung: Unverständnis. „Klärt das untereinander, ihr habt das Know-how“, lautete seine Ansage, fünf Jahre ist das jetzt her. „Warum soll ich euch da reinpfuschen?“, fragte Lohmann und guckte in verwunderte Gesichter. Ihm gehört doch Allsafe Jungfalk, er ist doch der geschäftsführende Gesellschafter.

„Wir reagieren darauf, was um uns herum passiert und uns prägt – und das bringt uns weiter.“

Allsafe Jungfalk produziert Sperrelemente, Gurte, Schienen und Netze. Sie dienen dazu, in LKWs und Flugzeugen die Ladung zu sichern. Als Lohmann das Unternehmen, beheimatet im 6000-Einwohner-Städtchen Engen unweit des Bodensees, vor 17 Jahren übernahm, produzierten 40 Mitarbeiter Sperrstangen im Wert von rund 10 Millionen Euro. Heute kommen 180 Mitarbeiter auf bald den sechsfachen Umsatz. Bei der Produktion wird’s mitunter stressig und dann, das beobachtet Lohmann, fallen die Mitarbeiter in ihre alten Rollen zurück. Warten auf Anweisungen. Soll der Chef doch sagen.

Dann gibt Lohmann wieder die Kärtchen aus: Auf der roten steht „Entscheider“, auf der grünen „Ratgeber“. Dann läuft er mit den Kollegen aus dem Führungsteam durch den Betrieb und redet. Die erste Frage lautet immer: „Rot oder Grün – soll ich Ratgeber oder Entscheider sein?“ Die Mitarbeiter haben längst kapiert: Wenn es irgendwie geht – besser Grün wählen.

Detlef Lohmann hat über seine Erfahrungen als "Chef auf Augenhöhe" ein Buch geschrieben...
... mit dem Titel "Und mittags geh ich heim". Sein Unternehmen animiert Mitarbeiter, eigenverantwortlich zu handeln.
Das Buch stellt die Beziehung zwischen Chef und Angestellten in den Mittelpunkt. "Der Chef weiß vieles auch nicht automatisch besser", sagt Lohmann.
Die Fluktuation in Lohmanns Firma ist niedrig, für neue Stellen bewerben sich qualifizierte Kräfte. „Es hat sich offenbar herumgesprochen, wie wir hier arbeiten", sagt der Firmenchef.

Das war 2011 noch komplett anders. Die Mitarbeiter wirkten verstört und Lohmann fragte sich, ob er seinen Leuten nicht zu viel zutraute, vielleicht auch zumutete. Monatelang rumpelte und hakte es, auch bei Lohmann selbst. „Das Loslassen ist mir nicht leichtgefallen.“ Es war ein Akt des Willens, sagt er rückblickend: so zu tun, als sei er bereits dieser Chef, der mündige Mitarbeiter für selbstverständlich hält. „Man muss den Mitarbeitern den Freiraum gewähren, die Situation so zu bewältigen, wie sie es für richtig halten“, sagt er heute. „Und die Aufgabe von Führung besteht darin, diese Situationen erst zu ermöglichen und zu schaffen.“ Evolution braucht manchmal einen Stupser.

„Man muss den Mitarbeitern den Freiraum gewähren, die Situation so zu bewältigen, wie sie es für richtig halten.“

Mit den Mitarbeitern entwickelten sich auch ihre Vorgesetzten weiter – oder eben nicht. „Nicht allen hat das geschmeckt“, gibt Lohmann zu. Einige Posten mussten neu besetzt werden. Heute ist das kein Problem mehr: Allsafe Jungfalk zieht wie magnetisch Menschen an, die mehr erwarten als Befehl und Gehorsam. „Auch für qualifizierte Posten bekomme ich die Leute, die ich brauche“, sagt Lohmann. „Es hat sich offenbar herumgesprochen, wie wir hier arbeiten.“ Entscheidend ist für ihn mittlerweile, ob neue Führungspersonen kulturell passen, „alles andere lässt sich lernen.“

Die Arbeit ist zwar kein Spiel, so Lohmann, aber sie darf Spaß machen.

Es braucht einen langen Atem, damit es nicht beim guten Willen und Absichtserklärungen bleibt. Und es fordert dem Vorgesetzten ab, Vertrauen vorzuschießen und gleichzeitig permanent als Vorbild voranzugehen. Lohmann: „Drei Monate hat es gedauert, bis die Mitarbeiter gemerkt haben: Die meinen es wirklich ernst.“ Und zwei Jahre, bis sie den neuen Stil wirklich verinnerlicht und diese neue Art von Führung tatsächlich eingefordert hätten.

„Wer sich weiterentwickelt hat und längst eigenverantwortlich arbeitet, will sich nicht beschnitten sehen“, sagt Lohmann. Er versteht nicht, warum Führungskräfte sich in den täglichen Routinen aufreiben, indem sie wie Feuerwehrleute alle Brände zu löschen meinen. „Nur wenn ich mich aus dem operativen Geschäft rausziehen kann, habe ich Zeit und Gelegenheit, mir Gedanken über strategische Ausrichtungen zu machen.“

Diese Zeit nimmt er sich. Präsenz im Büro ist dabei weniger wichtig: „Denken kann man überall.“ Detlef Lohmann weiß, was das tägliche Geschäft angeht, läuft der Laden auch ohne ihn. Für ihn war das sein eigener, entscheidender evolutionärer Schritt: „Lernen zu vertrauen.“