Hamburg: 30.10.2019

Autor: Alexander von Tomberg

Dein Nachbar, das bekannte Wesen

Mehr miteinander statt nebeneinander – das ist das Ziel der Plattform „nebenan.de“. Auf ihr können sich Nachbarn untereinander vernetzen, kennenlernen und helfen. Gründer Christian Vollmann hat damit eine Art Facebook für den eigenen Kiez entwickelt.

„Seit Jahren wohnte ich Tür an Tür mit so vielen Menschen und doch kannte ich keinen einzigen persönlich. Ich habe mich gefragt: wer sind diese Menschen, die ich immer nur kurz im Hausflur oder am Briefkasten grüße? Wie könnte ich sie besser kennenlernen? Wie können wir uns gegenseitig helfen und unterstützen? Wäre es möglich, sich so miteinander zu vernetzen, dass man nicht gleich bei jedem Einzelnen klingeln muss?

Ich habe dann einfach mal Nachbarn in meiner Straße gefragt, ob sie prinzipiell Lust hätten, mehr über das Viertel und seine Menschen zu erfahren. Erstaunlicherweise war das Feedback so groß, dass ich am Ende E-Mail-Adressen von Nachbarn aus der ganzen Straße hatte. Was ließ sich damit machen? Die Idee reifte von einem sozialen Netzwerk, das sich nur an Nachbarn richtet, eine Art Facebook, nur viel persönlicher.

Geschäftsführung von nebenan.de: Till Behnke, Ina Remmers und Christian Vollmann

Zusammen mit einem kleinen Team gründete ich die Plattform „nebenan.de“. Wer ein Profil darauf erstellt, muss seinen Klarnamen und die Wohnadresse angeben, am Ende verifizieren wir noch die Richtigkeit der Daten und los geht‘s. Bei „nebenan.de“ werden nur die Accounts angezeigt, die in direkter Nachbarschaft leben. Wir haben geographische Grenzen im digitalen Raum eingerichtet, um die Wohngebiete klar voneinander zu trennen. Es soll beim überschaubaren Online-Kiez bleiben.

Es ist schön zu sehen, wie gut das Portal läuft. Die Leute tauschen sich auf der Plattform aus, lernen sich kennen, posten interessante lokale Infos. Ich denke, dass eine funktionierende Nachbarschaft Mitmenschlichkeit fördert und einen Gegenentwurf zur Vereinsamung bildet. Gerade wenn man neu in ein Viertel gezogen ist und Hemmungen hat, direkt und persönlich Nachbarn anzusprechen, bietet sich das digitale Händeschütteln an. Als erster Kontakt, aus dem vielleicht mehr werden kann. Nebenbei nehmen wir auch älteren Menschen mit so einer Plattform die Angst vor der Digitalisierung.

Geographische Grenzen im digitalen Raum

Seit 2015 beschäftige ich nun als Geschäftsführer, zusammen mit zwei meiner Mitgründer, rund 70 Mitarbeiter. Mittlerweile haben wir deutschlandweit über 1,3 Millionen Nutzer, die in mehr als 7.000 Nachbarschaften aktiv sind. Darunter sind unterschiedliche Gruppen, die sich zum Beispiel für gemeinsame Aktionen wie Fahrrad-Touren verabreden. Oder Naturfreunde, die Urban Gardening-Gruppen gegründet haben, um freie Flächen in den Städten zu begrünen. Wenn jemand krank ist, gibt er auf unserem Portal Bescheid und meistens übernimmt ein Nachbar den Einkauf oder das Gassigehen. Egal ob Fahrräder reparieren, Nachbarschaftsfeste oder Flohmärkte organisieren – die Möglichkeiten sind gewaltig. Sensible Details klären die Nutzer über Privatnachrichten. So erfährt nicht die ganze Nachbarschaft, wann die Blumen des Nachbarn gegossen werden – und ein Einbrecher die Urlaubszeit zum Einsteigen in die Wohnung nutzen könnte.

Nachbarschaftshilfe via Blumengießen
Nachbarschaftshilfe via Fahrradreparatur

Das virtuelle Dorf in der Großstadt

Ich komme aus einem kleinen Dorf in Franken und bin es gewohnt, mit den Nachbarn ein Schwätzchen zu halten und sich über neue Entwicklungen in der Nachbarschaft auszutauschen. Welches Restaurant hat neu eröffnet, welcher Handwerker bietet was an – auf der Plattform hat auch das lokale Gewerbe die Möglichkeit, seine Angebote über ein Gewerbeprofil zu präsentieren – unter anderem finanziert sich die Plattform darüber und auch über Nutzer, die ganz freiwillig unser Netzwerk mit einem kleinen Förderbeitrag monetär unterstützen. Zusätzlich können Städte, Bezirke und Gemeinden durch ein Organisationsprofil über städtebauliche Veränderungen, Installationen, Straßenfeste oder Ähnliches informieren.

 

 

Es macht einfach Spaß, sich dazugehörig zu fühlen.

Wir wollen das virtuelle Dorf in der Großstadt aufbauen. Dafür setzen wir uns auch ganz analog mit unserer 2017 gegründeten gemeinnützigen Stiftung ein, die gelungenes lokales Engagement jährlich mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis auszeichnet. Gewinner in diesem Jahr ist das Projekt „Stinknormale Superhelden aus Rathenow (Brandenburg)“. Dabei machen sich junge Menschen im Superheldenkostüm für Umweltschutz und eine grüne Nachbarschaft stark. Sie klären in Schulklassen über Nachhaltigkeit auf und engagieren sich für Obdachlose.

Klar ist: Bei uns werden keine personenbezogenen Daten weitergeben oder verkauft. Sämtliche Kontakte bleiben bei uns – und wer sein Profil löschen möchte, kann das bei uns veranlassen, dann kann es auch nicht wiederhergestellt werden.

Die Resonanz auf die Plattform ist groß und positiv und es bestätigt mich in der Annahme, dass Menschen sich grundsätzlich immer gerne kennenlernen möchten. Es macht einfach Spaß, sich dazugehörig zu fühlen. Ein Nachbar kann so viel mehr sein als nur so ein Typ, den man immer am Briefkasten trifft.“

Über nebenan.de:
Der Betriebswirt Christian Vollmann, der Wirtschaftsinformatiker Till Behnke und die Wirtschaftspsychologin Ina Remmers sind zusammen die Geschäftsführer des 2015 gegründeten Startups „nebenan.de“ mit Sitz in Berlin. Ein Online-Portal, das Nachbarschaft fördert. Mehr dazu unter: www.nebenan.de