Hamburg: 25.01.2017

Autor: Andrea Meinecke

König Kunde 2.0

Co-Kreation an der Basis: In Nürnberg lassen Unternehmen ihre Produkte von Passanten in der Fußgängerzone testen, bevor sie entscheiden, ob sie markttauglich sind. Die Entwickler profitieren enorm von der Mithilfe – und die Kunden werden endlich ernstgenommen.

Eine Art Kühlschrank, von innen beleuchtet, zwei Ebenen. Fein säuberlich reihen sich darin Schnittlauch, Dill und Rukola aneinander. Für etwas anderes bleibt im sogenannten „plantCube“ kein Platz. Es ist ein kleines Gewächshaus, das die Kräuter automatisch wässert und durch UV-Licht gedeihen lässt.

Was für ein Aufriss für ein bisschen Grünzeug, denken die einen.

Wie genial, denkt Carsten Nohl.

„Genau so etwas fehlt mir.“

Hier ist der Kunde König: Der Showroom des „Josephs“ in Nürnberg.
Ein Café lockt Passanten in den den Showroom, in dem Unternehmen bewusst ihre unfertigen Produkte ausstellen.

Er öffnet die Glastür, zieht ein Fach heraus, streicht über die Seitenwände des Geräts als sei es die neue Mercedes S-Klasse. „Genau so etwas fehlt mir“, sagt der 35-Jährige, „Wenn der richtig ausgestattet ist, zahle ich dafür zwischen 350 und 600 Euro“.

Das sind Informationen, die für eine Menge Leute Gold wert sind. Denn Nohl hat gerade nicht nur einen fiktiven Preis genannt, den er verkraften könnte, sondern auch noch gezeigt, dass das Prinzip genau seinem Bedarf entspricht.

Softwareentwickler Nohl ist Kunde des „Josephs“, einem Nürnberger Showroom für Produkte, die eigentlich noch keine sind. Unternehmen stellen hier ihre Produkte während der Testphase aus. Ein in dunklem Holz eingerichteter Coffee Shop im vorderen Teil des Raums lockt die Laufkundschaft in die sogenannte Service-Manufaktur. Hinter dem Kaffee-Bereich zeigen Startups und etablierte Unternehmen ihre noch nicht marktreifen Produkte. Jeder Kunde darf sie testen und sein Feedback geben. Verbraucher und Entwickler bilden hier ein Team, das etwas Neues erschaffen lässt – auch wenn sie sich dabei nicht unbedingt persönlich über den Weg laufen. Co-Creation nennen das die Experten. Und sprechen von nichts weniger als der Zukunft der Marktforschung.

Rund 20?000 Passanten hat das Josephs bisher angelockt. Etwa 40 Unternehmen legten bislang den Besuchern ihre unvollendeten Ideen vor. Darunter: Baby-Einschlafhilfen, Elektro-Tankstellen und Smart-Home-Systeme, Häkelanleitungen oder Falthilfen für Wurfzelte. Vor ein paar Wochen spielten Touristik-Studenten der Universität Eichstätt-Ingolstadt an einer nachgebauten Hotelrezeption verschiedene Szenarien mit Besuchern durch, deren Mimik per Kamera aufgezeichnet wird. Anschließend werten die Studenten die Reaktionen wissenschaftlich aus.

Am Ende profitieren beide.

„Bei Innovationen soll es vor allem um deren Nutzen und nicht nur um die bloße Existenz gehen“, sagt Sandra Lechner. Sie führt als Guide durch die Ausstellung. Deshalb könne auch nur der Kunde entscheiden, was ihm eine Sache wert ist. Er beurteilt die Produkte nach seinen individuellen Kriterien, den Fokus seiner Urteile setzt er selbst, niemand arbeitet einen Fragenkatalog mit ihm ab. Am Ende nennt er vielleicht sogar den Preis, den er dafür ausgeben würde. Auf diese Art werden für die Unternehmen Fehler und Schwächen des Produktes sichtbar. Der Kunde inspiriert den Unternehmer oft zu ganz neuen Funktionen eines Geräts, die der Entwickler gar nicht in Erwägung gezogen hatte. Am Ende profitieren beide.

Lechner geht auf neugierige Passanten zu, fragt sie, was sie von den Produkten halten. Sie fuchtelt nicht mit einem Fragebogen herum, sondern wartet ab. „Was könnte das sein?“, fragt sie einen Kunden, der einen Couchtisch ausprobiert, weil er ihn für einen Bauchtrainer hält. Oder: „Macht es ihnen etwas aus, wenn ich mir ein paar Notizen mache, während sie das Gerät beurteilen?“ Manche Kunden gehen auch ohne Guide durch den Raum. Alle Infos oder Reaktionen sind wertvoll.

Zufallskunde Carsten Nohl interessiert sich zunächst für den Home-Office-Tisch mit LCD-Bildschirm, an dem man auch essen kann.
Dann entdeckt er den „plantCube”.
Eine App informiert, wann Carsten Nohl das nächste Mal gießen müsste.
Der potentielle Kunde ist glücklich über den „plantCube”: „Wenn der richtig ausgestattet ist, zahle ich dafür zwischen 350 und 600 Euro.”
Sein Feedback hinterlässt Carsten Nohl an einer Tafel.

„Die Kunden kommen aus unterschiedlichen Richtungen, mit ganz facettenreichen Interessen“, sagt die Wirtschaftspädagogin. Carsten Nohl zum Beispiel, mit seinem Background als Informatiker, hat konkrete Fragen an die Software des plantCubes. Nebenbei fällt ihm auf, dass er gar nicht wüsste, wie man die Matten, in die die Saat eingewoben wird, entsorgen kann. Darauf hat Lechner auch erstmal keine Antwort, schreibt es aber auf.

„Wir sammeln die Anregungen und Fragen und haben am Ende eine ganze Bandbreite an Inspirationen für die Unternehmen“. Diese würden dann selbst entscheiden, was sie davon beherzigen wollen und was weniger Sinn ergibt. Eine Herangehensweise jenseits sturer Kundenbefragungen und weit entfernt von beeinflussenden Marktanalysen. Hier bekommt niemand Geld oder Geschenke für sein Urteil.

Drei Monate dauert ein Ausstellungszyklus, dann präsentieren sich andere Firmen. Zunächst war das Konzept als Reaktion auf die Firmenpleiten von AEG und Quelle in der Nürnberger Region gedacht. „Man hat durch die Pleiten erkannt, wie wichtig es ist, service- und innovationsorientiert vorzugehen“, sagt Lechner. Oftmals floppen Erfindungen, weil Produkte unter anderem zu stark aus den Bedürfnissen des einzelnen Entwicklers heraus entstehen. Aus einseitiger Sicht.

Über Onlineplattformen wie Kickstarter oder Crowdfunding-Plattformen wie Startnext kann man als Verbraucher schon jetzt vielversprechende Innovationen fördern. Doch man kann sie nicht berühren, alles geschieht virtuell. Gerade weil der Verbraucher im Josephs alles andere als unsichtbar bleibt, nutzen viele große Unternehmen die Service-Manufaktur als Probierwiese.

Auch Startups haben hier ein Forum. Denn gerade sie müssen hohe Hürden überwinden, um überhaupt ein Ladengeschäft eröffnen zu können. Hier erklären sie in ungezwungener Atmosphäre ihre Innovationen und besprechen gemeinsam mit den Initiatoren Fragen, die sie an das Produkt haben.

Ist es benutzerfreundlich genug?

Spricht die Optik an?

Im Josephs kann also gern kritisiert werden. So wie bei der Idee einer App der Wohnungsbaugesellschaft Nürnberg. Auf einer Forschungsinsel, die als Wohnzimmer gestalteten ist, stehen kleinen Stellkästen auf denen Überlegungen zu den Bedürfnissen von Immobilieninteressenten stehen. Neben Fragen nach einem Hausmeisterservice, der sogar die Putzfrau in die Wohnung lässt oder Fahrdiensten, gibt es auch Fragen nach dem Vertrauen in die Datensicherheit. An dieser Stelle kleben viele Post-its potentieller Verbraucher: Können Drittanbieter meine Daten sehen? steht auf einem.

Diese Rückmeldungen sind für den Hersteller Gold wert.

Auch Carsten Nohl stellt sich Fragen nach der Privatsphäre, als er sich ein wenig mit den Ideen beschäftigt. Das wäre aber das einzige Manko der ansonsten übersichtlichen App. Ihm gefällt auch der Homeoffice-Schreibtisch auf einer der anderen Forschungsinseln: ein weißer, aufklappbarer Tisch mit integriertem Flatscreen, der sich im Nu zum Esstisch umfunktionieren lässt.

Aber irgendwie zieht es ihn doch immer wieder zu den Kräutern. Er hat eine 50-Stunden-Woche, abends ist er meistens so kaputt, dass er nicht noch lange im Garten anbauen und ernten will. Trotzdem entspannt es ihn dann zu kochen. Wenn ihm nur nicht andauernd das Basilikum eingehen würde.

Beim plantCube würde ihn eine mit dem Gerät verbundenen App genau darüber informieren, wann eine Kräuterart reif ist, wann sie ihr volles Aroma entfaltet hat oder wann er wieder Wasser ins Gerät füllen muss. Etwa alle drei Monate. Er hat eigentlich nur noch eine Frage:

„Wann ist der Cube endlich im Handel?“