Hamburg: 28.03.2019

Autor: Andin Tegen

Die Schönheit der Scherben

 

Perfektion kann langweilen, Fehler erinnern uns an den Prozess, der uns zu dem machte, was wir sind. Die alte japanische Tradition Kintsugi nimmt diesen Gedanken auf: Zerbrochenes Porzellan wird dabei so gekittet, dass etwas Neues entsteht. Dabei geht es nicht nur um Ästhetik.

Eine vorbildliche Ehe, eine harmonische Beziehung, ein perfekter Job – wir streben pausenlos nach Idealen und sind am Boden zerstört, wenn wir sie nicht erreichen. Es fällt uns leicht, zerbrochene Träume als Scheitern zu begreifen. Dabei liegt in ihnen die größte Chance unseres Lebens. Dass wir uns im Kampf um die ständige Selbstoptimierung kaum weiterentwickeln, wussten fernöstliche Philosophen schon vor vielen Hundert Jahren.

Makel und Risse in unserem Leben, glaubten sie, seien nicht verwerflich, sondern gehörten zum Selbstverständnis eines Menschen. Alles Vergängliche, Alte, Zerstörte und Fehlerhafte seien kein Makel, sondern genau das Gegenteil: das Wesen der Schönheit. Auf einer dieser Theorien basiert das japanische Kunsthandwerk Kintsugi: eine aufwendige Restaurationstechnik, bei der zerbrochene oder gesprungene Keramik so repariert wird, dass die Bruchstellen deutlich sichtbar bleiben. Kintsugi bedeutet so viel wie Goldverbindung.

Zerbrochne Keramik mit Gold gekittet.
Zerbrochne Keramik mit Gold gekittet.
Zerbrochne Keramik mit Gold gekittet.

Nur durch den Makel entsteht Unverwechselbarkeit. Kintsugi geht auf die japanische Ästhetik des Wabi-Sabi zurück. Ursprünglich bedeutete „wabi“ traurig, verlassen oder allein, „sabi“ so etwas wie alt sein, vergehen, Patina ansetzen. Dahinter steht die Fähigkeit, Schönheit im Unvollkommenen, Unbeständigen und Unvollständigen zu erkennen und wertzuschätzen – eine Sichtweise, die auch im Zen-Buddhismus verankert ist oder in der japanischen Teezeremonie zum Ausdruck kommt. Im Kintsugi würdigt man Zerbrochenes, indem man die Bruchstellen kunstvoll mit Gold kittet.

Dazu fügen die Künstler in einem vielstufigen Prozess Keramiken zusammen und tragen den japanischen Lack Urushi in mehreren Schichten auf. Dann bestäuben sie ihn mit goldenen oder silbernen Pigmenten und polieren das Ganze. Das einst zerbrochene Objekt erreicht dadurch seine Einzigartigkeit.

Nur durch den Makel entsteht Unverwechselbarkeit.

Nach der Kintsugi-Ästhetik ist es nicht weniger wert als ein Makelloses, Neues. Doch es erzählt eine Geschichte, die weit über die bloße Anmutung des Objekts hinausgeht. Es erzählt von der Verwundbarkeit des Menschen, vom unperfekten Ich. Die spezielle Liebe zum Unperfekten wurde schon im 15. Jahrhundert entdeckt. Der Legende nach zerbrach der Shōgun Ashikaga Yoshimasa aus Versehen eine seiner liebsten chinesischen Teeschalen. Er schickte sie zur Reparatur nach China – und war bitter enttäuscht von dem Ergebnis. Also wandte er sich an japanische Kunsthandwerker. Die kitteten die Schale so, dass die Bruchstellen sich wie feine goldene Farbadern über das Objekt zogen.

Die Teeschale bekam so eine völlig neue Anmutung, gleichzeitig erzählte sie von dem Ereignis, das den Shōgun so frustriert hatte. Das gefiel ihm. In seinen Augen war die Schale nun mehr als fabelhaft. Nur noch wenige Künstler beherrschen die aufwendige Technik des Kintsugi heute. Dabei ist jede Restauration eine Wertschätzung von Fehlern. Jede zerbrochene Schale steht für die Brüche, Verletzungen und Narben in einem Selbst und kehrt diese wieder ins Positive um: in pure Schönheit.