Hamburg: 30.08.2018

Autor: Lisa Lange

Generation Co-Evolution: Die älteste WG Deutschlands

 

Zwei junge Frauen helfen ihr im Haushalt, die alte Dame lässt sie dafür bei sich wohnen: Kann diese Wohngemeinschaft in Kiel funktionieren? Und wer profitiert hier eigentlich von wem? Zu Besuch bei Menschen, die den Generationenvertrag auf ganz eigene Art leben.

 

Ein Backsteingebäude in Schwentinental bei Kiel. Hier wohnt die 84 Jahre alte Dortje Gomer. Sie hat im Garten eine Katze und acht Apfelbäume, in der Garage ein Elektromobil, das sie „Porsche“ nennt und im Haus zwei Mitbewohnerinnen, die so jung sind wie ihre Enkeltöchter. Die ungewöhnliche Wohngemeinschaft hat sich über das bundesweite Projekt „Wohnen für Hilfe“ gefunden. Für einen Quadratmeter Wohnfläche leisten Studenten monatlich eine Stunde Hilfe – anstatt Miete zu zahlen. „Dreimal Wasser zum Anstoßen und ein Glas Apfelsaft für Frau Gomer“, sagt die Studentin Katharina Wintscher und stellt gefüllte Gläser auf den Tisch. Es beginnt ein Gespräch, in dem jede der drei Frauen erzählt, wie sie von dem Miteinander profitiert.

„Ich bekomme keine Miete, sondern Miteinander.“

Foto: Gesche Jäger

Dortje Gomer, 84

Ohne Kati und Hami würde ich allein hier sitzen, in dem großen Haus. Oder im Altersheim. Da sitzen die Leute und gammeln vor sich hin. Das wäre nichts für mich. Ich kann leider nicht laufen und habe seit neun Jahren den Rollstuhl, aber mein Kopf ist noch klar. Ich brauche nur Gesellschaft.

Bevor ich mit meinem Mann 1968 hier mit unseren drei kleinen Kindern einzog, war ich Verkäuferin. Dann bin ich Hausfrau gewesen. Ich habe kein Abitur, anders als diese beiden Damen.

Von dem Wohnprojekt habe ich vor vier Jahren aus der Zeitung erfahren und dachte mir, „Das ist doch was“. Ich wollte auf keinen Fall einen Raucher, ansonsten war ich für alles offen. Etwas nervös war ich auch, denn wenn man neu mit einer Sache beginnt, weiß man ja noch nicht, was auf einen zukommt.

Zuerst wohnte ein Student aus Nepal bei mir. Der hat viel Reis gekocht, mit Gemüse, und mir etwas abgegeben. Er war lustig. Seine Nachfolgerin kam aus Ägypten, die hat immer mit ihrem Freund und einem Computer in meinem Wohnzimmer gesessen, das fand ich nicht so passend. Danach hatte ich eine junge Frau aus Holstein, aber wir haben uns nicht so gut verstanden. Einmal kam ein Student mit seiner Mutter her und fragte als erstes: „Wo steht der Geschirrspüler?“. Den habe ich nicht. Der Student ist dann auch nicht eingezogen. Eine andere hat nur eine Nacht hier geschlafen. Die hatte eine Katzenhaarallergie. Und noch eine ist nach einem halben Jahr mit einer Freundin zusammengezogen. Ich kann ja niemanden festhalten.

Diesmal ist das ganz anders. Mit Kati und Hami ist alles so nett zusammen. Dass wir beieinandersitzen, uns unterhalten, Karten spielen, einfach so da sind. Sie kümmern sich um mich. Sie sehen, wo’s fehlt, schieben mich mal vom Esstisch ins Wohnzimmer. Es muss nichts Spezielles erledigt werden außer der Wäsche. Ich habe acht Apfelbäume, da hat Kati schon mal Äpfel aufgesammelt und zum Entsaften gebracht. Aber für den Garten habe ich einen Gärtner, und meine beiden Enkelinnen kommen zwei Mal die Woche zum Saubermachen.

Foto: Gesche Jäger
Foto: Gesche Jäger
Foto: Gesche Jäger

Mir geht es darum, Gesellschaft zu haben. Ich lerne auch viel von Hami. Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan – das waren für mich vorher nur Worte. Jetzt erkenne ich einige Unterschiede, das finde ich bereichernd. Und es macht Spaß, wenn wir mit Hami über deutsche Redensarten sprechen. „Ein dickes Fell haben“ – erklären Sie das mal. Neulich hat Hami zu mir gesagt: „Ich habe Schwein gehabt.“ Du hast gelernt, was das bedeutet, Hami. Und ich koche auch gern mit ihr. Diese Woche hatte Hami zwei Hühnchenschenkel und fragte mich, „Was machen wir damit?“. Ich sagte: „Hühnerfrikassee.“ Und das haben wir dann gemacht.

Manchmal ist der Kühlschrank sehr voll. Und am Anfang haben die Damen in der Küche nicht immer hinter sich aufgeräumt. Aber das habe ich ihnen gesagt, und dann ändern sie das. Beide Seiten müssen auch ein bisschen tolerant sein. Hier liegt alles offen herum und es könnte jemand in den Privatsachen herumwühlen. Davor habe ich aber keine Angst.

Ich könnte die Zimmer natürlich auch vermieten, aber ich habe das Geld nicht nötig und dann hätte ich zwar Mieter aber keine Freunde und kein Miteinander.

„Ich habe jetzt das Selbstbewusstsein, Deutsch zu sprechen“

Hamideh Torshizi Farouji, 28,
macht einen Master in Informatik an der FH Kiel

Wenn Frau Gomer mit ihrem „Porsche“ vom Einkaufen kommt, hupt sie. Dann gehe ich runter, trage die Tüten für sie ins Haus und packe schon mal aus. Das hat sich so eingespielt, weil ich am Anfang kaum Deutsch konnte und Frau Gomer kein Englisch spricht. Da hat sie einfach gehupt.

Ich wohne hier sehr, sehr gerne. Gleich beim ersten Treffen fand ich, dass die Stimmung hier sehr gut ist. Kati war sehr nett und Frau Gomer auch, und ich dachte, es könnte gut für mich sein. Man kann viel von Frau Gomer lernen. Obwohl sie im Rollstuhl sitzt, ist sie immer motiviert und positiv.

Nach Kiel bin ich gekommen, weil eine Professorin mir diese FH empfohlen hat. Ich habe im Iran Elektrotechnik studiert und wollte mich im Master auf Erneuerbare Energien spezialisieren, da haben sie hier einen Schwerpunkt. Außerdem wollte ich wegen des Meeres hierher. Ich mag das Meer. Dass es hier immer so windig ist, wusste ich ja nicht. Viele iranische Studenten gehen lieber nach Kanada oder in die USA. Das war mir aber zu weit weg von Zuhause. Ich bin ein Mutti-Kind, und hier habe ich das Gefühl, nicht ganz so weit weg vom Iran zu sein.

Das erste Jahr habe ich im Wohnheim gewohnt. Ich war deprimiert, so weit weg von meiner Familie. Im Wohnheim werde ich traurig, das passt nicht zu mir. Es ist immer laut, die Zimmer sind klein, und die Bewohner wechseln ständig. Ich habe kaum Deutsch gesprochen, weil dort viele internationale Studenten wohnen. Dann habe ich mir dreizehn WGs angeschaut, alle ganz klein und weit weg von der FH. Die Studenten sind alle sehr beschäftigt und haben bestimmt keine Lust, mit mir Deutsch zu sprechen. Eine Freundin hat mir dann Wohnen für Hilfe empfohlen.

Foto: Gesche Jäger
Foto: Gesche Jäger
Foto: Gesche Jäger

Am Anfang war ich sehr schüchtern wegen der Sprache. Ich habe Frau Gomer schlecht verstanden und ständig gefragt: „Wie bitte, Frau Gomer?“ Wenn sie mich gebeten hat, ihr etwas aus einer Schublade zu holen, wusste ich nicht, was sie wollte. Eine Sprache zu lernen braucht Zeit.

Kati kann mir super Grammatik erklären, weil sie gerade ein halbes Jahr in Frankreich Deutsch unterrichtet hat. Frau Gomer legt mir Artikel aus der Zeitung hin und wenn besondere Sendungen über Deutschland im Fernsehen laufen, sagt sie mir Bescheid. An Karneval zum Beispiel. Wir unterhalten uns viel, besonders beim Mittagessen. Nur wenn die beiden Kreuzworträtsel lösen oder zusammen Tagesschau gucken, fühle ich mich etwas ausgeschlossen. Da komme ich sprachlich noch nicht mit und gehe lieber hoch in mein Zimmer. Trotzdem: Mein Deutsch ist hier im Haus viel besser geworden. Ich habe jetzt das Selbstbewusstsein Deutsch zu sprechen.

Zu dritt wohnen finde ich sehr gut. Die beiden haben immer tolle Ideen, was wir unternehmen können und ich kann dabei sein. Wir gehen zusammen ins Konzert, in die Stadt, machen einen Ausflug ans Meer. Das ist gut für mich. Weihnachten habe ich mitgefeiert bei der Tochter von Frau Gomer. Das war super. Ich habe Geschenke bekommen! Alle sind supernett zu mir. Hier fühle ich mich nicht allein. Im Wohnheim kann man zusammenwohnen, ohne eine Beziehung aufzubauen. Hier nicht.

„Wir wohnen wie in einer Ersatzfamilie.“

Katharina Wintsche, 28,
studiert Französisch und Spanisch auf Lehramt für Gymnasium

Als ich die erste Nacht im Haus von Frau Gomer geschlafen habe, war ich etwas verwundert: Früh morgens ging plötzlich laute klassische Musik an. Inzwischen weiß ich, dass das ihr Radiowecker ist und wache gerne dazu auf. Hinterm Haus ist ein großer Garten mit Äpfeln und Beeren. Für mich ist das hier eine Oase, ein Paradies für Studenten. Es harmoniert gut zwischen uns.

Ich habe vorher im Wohnheim gewohnt, fand das aber zu unpersönlich. Kaum hat man jemanden kennengelernt, zieht er schon wieder aus. An der Uni habe ich dann eine Werbung von Wohnen für Hilfe gesehen. Man musste einen Fragebogen ausfüllen und ankreuzen, was für Tätigkeiten man im Haus übernehmen kann. Ich habe alles angekreuzt, von Unkrautzupfen bis Bügeln, nur nicht Fußboden verlegen.

Tatsächlich muss ich aber nur einmal die Woche Frau Gomers Wäsche waschen und den Müll rausbringen. Frau Gomer lässt ihren Frühstücksteller auf dem Tisch stehen, den spült einer von uns mit ab. Das ist alles schnell gemacht. Als Studentin sitzt man eh zu viel und kann sich zwischendurch ruhig mal die Beine vertreten. Hami und ich haben einen Plan und wechseln uns ab. Wenn die eine im Prüfungsstress ist, macht die andere etwas mehr.

Wie in einer WG kauft jeder seine eigenen Lebensmittel. Ich besorge hin und wieder auch das Katzenfutter für Elphi, obwohl Frau Gomer nicht will, dass wir zu viel Geld ausgeben. Wir zahlen 50 Euro Nebenkosten, im Winter 60 wegen der Heizung. Im Wohnheim lag meine Miete bei 215 Euro, und in einer WG würde man in Kiel um die 300 Euro zahlen – wenn man überhaupt eine findet. Ich spare also viel Geld, aber nur deswegen bei diesem Wohnprojekt mitzumachen fände ich nicht okay. Das wäre ausnutzen.

Für mich war der Hauptgrund: Ich wollte ausprobieren, wie es ist, wenn mehrere Generationen zusammenwohnen. Früher habe ich mal ein Praktikum in einem Altenheim gemacht und gemerkt, dass ich einen guten Draht zu Älteren habe. In unserer WG kann ich Frau Gomer ein bisschen helfen und Gesellschaft leisten und bekomme dafür etwas von ihrer Zeit und Lebenserfahrung. Sie ist eine gute Ratgeberin. Und es macht mir Spaß, im Garten Äpfel und Beeren zu pflücken und dann gemeinsam mit ihr Rote Grütze oder Apfelmus zu kochen. Wir wohnen hier wie in einer Ersatzfamilie.

Foto: Gesche Jäger
Foto: Gesche Jäger
Foto: Gesche Jäger

Das Haus liegt zwar außerhalb von Kiel, aber das sogenannte Studentenleben fehlt mir nicht. Ich bin eh nicht so eine Partymaus und mit dem Schickimickigehabe vieler Gleichaltriger kann ich wenig anfangen. Mit Frau Gomer kann ich mich über andere Dinge austauschen.

Wir unternehmen auch viel zusammen, wie mit einem Hobbypartner. Wir fahren zusammen ins Eiscafé oder gehen Kuchen essen, Frau Gomer mit ihrem „Porsche“ und ich mit dem Fahrrad nebenher. Hami kommt meistens mit dem Bus nach, weil sie nicht Fahrrad fährt. Das möchte ich ihr aber noch beibringen. Wir gehen auch mal ins Theater oder in den botanischen Garten. Einmal hat Frau Gomer uns einen richtigen Familienausflug geschenkt. Wir sind mit ihren Töchtern und Enkeltöchtern mit dem Schiff zur Hallig Langeneß gefahren. Das war ganz toll. Wenn ich Geburtstag feiere, lade ich Freunde ein und wir backen Pizza – mit Frau Gomer natürlich.

Als ich vor kurzem vom Auslandssemester zurückkam, war ich heilfroh, dass hier alles beim Alten ist. Frau Gomer ist immer noch genauso schlagfertig und für jeden Spaß zu haben.

 

Wohnen für Hilfe gibt es in Deutschland in 36 Städten und Landkreisen, weitere Infos unter www.wohnenfuerhilfe.info. Weltweit teilen Menschen in zehn Ländern ihr Zuhause: www.homeshare.org