Hamburg: 30.05.2017

Autor: Christian Litz

Gemeinsam schneller werden

Der Rallye-Veteran Walter Röhrl wurde 1980 nur Weltmeister, weil er den Ansagen seines Beifahrers Christian Geistdörfer blind vertraute. Die „Rallye Portugal“ gilt im Motorsport als Wegmarke. Erfolg ist seither nur noch im Team möglich.

Als es vorbei ist, sagt der Beifahrer nur: „Wir haben den Schrieb umgestellt.“ Als könne man so erklären, was Anfang März 1980 in Arganil passierte.

Arganil ist ein Städtchen in Portugal und war der Startpunkt einer der Etappen der Rallye Portugal. Es herrschte schlechtes Wetter. So schlechtes Wetter, dass alle Teams beim Kampf um die Rallye-Weltmeisterschaft sehr schlechte Zeiten im Matsch und Nebel fuhren. Alle, nur nicht Walter Röhrl und sein Beifahrer Christian Geistdörfer. Denn: „Wir haben den Schrieb umgestellt.“

Der Satz erklärt, wie die beiden bei fünf Meter Sicht durch die Berge und den Nebel rasten und den nachfolgenden Teams mehr als vier Minuten Zeit abnahmen. Also bei ihrem „Husarenritt von Arganil“ so viel Vorsprung herausfuhren, dass sie bis zum Ende der Rallye lässig in Führung blieben.

Die Konkurrenz war ab diesem Tag gebrochen. Große Namen des Rallye-Sports wie Hannu Mikkola, Ari Vatanen und Björn Waldegaard wussten ab der Etappe, wer diese Rallye gewinnen wird. Und die Weltmeisterschaft wohl auch.

„Die Bereitschaft zum Risiko, die war damals zweifelsohne da. 1980 war Walters heißestes Jahr.” (Christian Geistdörfer)

Röhrl und Geistdörfer hatten das Unmögliche geschafft, sie waren quasi blind gefahren. Der „Husarenritt von Arganil“ wurde zu der einen großen Legende, der Geschichte aus der großen Zeit des Rallye-Sports. Seitdem sagen sie: „Walter Röhrl ist der Senna des Rallyes-Sports“ oder – der Spruch ist von Nikki Lauda: „Walter Röhrl ist Genialität auf Rädern.“ Röhrl und Geistdörfer gewannen in dem Jahr die Weltmeisterschaft. Denn: „Wir haben den Schrieb umgestellt.“

Rallye fahren geht so: Der Fahrer, also der mit dem bekannten Namen, fährt - und neben ihm sitzt einer, scheinbar irgendwer, und sagt ihm, dass es da vorne nach rechts geht oder dass er hier nicht runterschalten muss, weil es nur ein ganz kurzer Anstieg ist. Während er solche Tipps gibt, schaut der Beifahrer auf ein Klemmbrett auf dem die groben Details stehen. Wenn der Beifahrer und der Fahrer fleißig waren beim Probefahren auf der Strecke, dann steht noch auf dem Papier, welche Gänge wo gerade gut wären oder wo es Löcher im Boden gibt.

Auf der Gewinnerstraße: Walter Röhrl (dritter von links) und sein Beifahrer Christian Geistdörfer (vierter von links) waren über Jahre ein unschlagbares Team.
Den Sieg im Blick: Walter Röhrl (rechts) verließ sich auf die Ansagen seines Co-Piloten Christian Geistdörfer - und fuhr so zu vielen Titeln.
Freunde fürs Leben: Röhrl (rechts) und Geistdörfer bei einer Preisverleihung im vergangenen Jahr.

Fahrer und Beifahrer sind nötig, um Rallyes zu fahren, der Fahrer alleine könnte das nicht. Aber bis zum „Husarenritt von Arganil“ 1980 waren die Beifahrer absolute Nebendarsteller. Nötig, aber irgendwie auch nichtig.

Seit Arganil müssen die beiden ein Team sein.

Der Schrieb von Christian Geistdörfer sorgte dafür, dass die Rolle des Beifahrers aufgewertet wurde und seitdem echte Teamleistungen nötig sind, um zu gewinnen. Denn die anderen hatten ja bald nach Arganil auch einen anderen Schrieb. Arganil war so etwas wie eine Lautverschiebung in der Sprachentwicklung: Wer sie nicht mitmachte, blieb hintendran. Gewinnen war so nicht mehr drin.

Als Röhrl und Geistdörfer die neue Rollenverteilung im März 1980 entwickelten, nutzte ihnen ihre deutsche Gründlichkeit. Sie sind die Strecke nicht – wie bis dahin sonst üblich – ein- oder zweimal vorher abgefahren für den Schrieb. Sie fuhren fünfmal. Geistdörfer notierte viel mehr als üblich. Zum Beispiel zählte er ab einem Baum bis zum nächsten und notierte die fünf oder die acht oder die sechs. Je nachdem. Er notierte alles, was am Rand der Straße fest war.

„Wir unterteilten die Geraden in kleine, leicht erkennbare Abschnitte mit Wegmarken wie Büsche, Bäume.” (Walter Röhrl)

Die Notizen wurden immer mehr und nicht immer waren sich die beiden sicher, ob sie all jene Details wirklich brauchen würden. Doch dann wurde der Nebel so dick, dass die Halogenscheinwerfer nicht mehr halfen. Die Anzahl der Bäume am Rand war plötzlich rennentscheidend.

Später erzählte Walter Röhrl, er sei die Strecke zuvor mit geschlossenen Augen im Bett liegend in der Fantasie gefahren und habe gestoppt. Eine Bombenzeit. Jeder glaubte das, denn Röhrl galt ja jetzt als „Genie auf Rädern“. War von Jurys und von Lesern von Fachzeitschriften zum „Rallyefahrer des Milleniums“ oder zum „besten Rallyefahrer aller Zeiten“ gewählt worden. Nur: Wenn Röhrl mit geschlossenen Augen alleine im Hotelbett gelegen hatte, wie hat er dann den Schrieb wissen können?

Jahre später gab Röhrl zu, die Strecke nicht mit geschlossenen Augen im Bett seines Hotels vorgefahren zu sein. Da sei ein Mythos entstanden. In Wirklichkeit sei die gute Vorbereitung der Grund für den Triumph gewesen. „Wir wussten seit Jahren: Arganil hat viel Nebel und tief hängende Wolken. Für den Nebel schrieben wir keine langen Geraden. Dreihundert Meter kann da kein Mensch abschätzen. Wir unterteilten die Geraden in kleine, leicht erkennbare Abschnitte mit Wegmarken wie Büschen, Bäumen.“

„Walter Röhrl ist Genialität auf Rädern.” Niki Lauda

Wenn Geistdörfer von seinem Schrieb erzählt, klingt das so: „In dem Jahr, in Portugal, haben wir ganz bewusst Nebelnoten gehabt. Dazu haben wir Distanzen aufgeteilt. Als Anhaltspunkte nahmen wir, was wir neben der Straße gesehen haben; Bäume, Büsche, Zäune. Es hat gepasst, wie ein Guss. Und die Bereitschaft zum Risiko, die war damals zweifelsohne da. Das war wohl Walters heißestes Jahr. Weil er unbedingt Weltmeister werden wollte, obwohl er immer gesagt hat: „Nein, das interessiert mich nicht.”

Walter Röhrl, die Legende, wurde vor kurzem 70 Jahre alt. In seinem Lebenslauf stehen zwei WM-Titel, vier Siege bei der Rallye Monte Carlo, 14 Siege insgesamt bei Rallye-WM-Läufen. Diese eine wichtige Etappe bei der Rallye Portugal wird jedoch immer hervorgehoben. Der „Husarenritt von Arganil“ war Röhrls Durchbruch. Weil er merkte: Nur gemeinsam wird er schneller.

Geistdörfer, sein Partner von damals, ist sechs Jahre jünger als Röhrl, lebt heute auf Malta und hat eine Firma in London. Die berät bei Infrastrukturbauten für Motorsport. Versteckt auf seiner Website steht die Geschichte von der Rallye Portugal und dem legendären Schrieb. Zwei WM-Titel, vier Siege bei der Rallye Monte Carlo und 13 Siege bei Rallye-WM-Läufen hat er nicht in seinen Lebenslauf mit aufgenommen. Gewonnen hat sie Walter Röhrl. Geistdörfer war: nur der Beifahrer.