Hamburg: 29.05.2019

Autor: Andin Tegen

Gemeinsam Energie erzeugen: Die Energiewende wird ein Fest

So lange der Energiemarkt von großen Konzernen beherrscht wurde, war die Energiewende Angelegenheit von Konzernchefs und Politikern. Jetzt hält das Sharing-Prinzip, das die Mobilitätsbranche bereits auf den Kopf stellt, auch beim Strom Einzug. Für etablierte Player ist das eine Bedrohung. Für andere – nicht zuletzt die Umwelt selbst – eine riesige Chance.

Zwischen Stromverbrauchern und Stromerzeugern war lange eine Wand. Dies darf man ganz gegenständlich sehen, denn unser Verständnis darüber, wo unser Strom herkam, reichte oft nur bis zur Steckdose. Wo dahinter die Leitungen lagen, zu welchen Kraftwerken sie führten und wie dort der Strom erzeugt wurde, darüber wussten die meisten von uns nur wenig. Wir bekamen unseren Strom, wie man im Restaurant ein Essen bestellt: aus einer unsichtbaren Küche, zu einem festgelegten Preis.

Der Firmenhauptsitz in Wildpoldsried

Die Zeiten, da man seinen Strom auf diese Weise bezog, könnten sich jedoch ihrem Ende nähern. In den letzten Jahren haben immer mehr Haushalte damit begonnen, ihren Strom selbst zu erzeugen – mit eigenen Windrädern zum Beispiel oder mit Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach. Dabei waren sie bisher auch weiterhin auf die Unterstützung klassischer Erzeuger angewiesen: Wenn kein Lüftchen sich regte und die Sonne nicht schien, lieferten „die großen Vier“ (E.on, RWE, EnBW und Vattenfall) den nötigen Strom. Und was an langen Sommertagen zu viel produziert wurde, kauften diese Konzerne (zu im Laufe der Jahre immer geringeren Preisen) den privaten Erzeugern ab.

So konnten die großen Vier sich bislang damit beruhigen, dass man auch von jenen gebraucht wurde, die sich dem alten Restaurant-Modell möglichst entziehen wollten. Die Energierevolution von unten kam nicht ohne die großen Player aus.

Bis jetzt. Denn inzwischen ist es für private Stromerzeuger möglich, Strom direkt untereinander zu teilen und die alten Konzerne dabei komplett außen vor zu lassen. Die Basis dafür liefert ein Start-up aus Baden-Württemberg: Sonnen ist einer der führenden Hersteller von Solarakkus, mit denen private Haushalte die Energie, welche ihre Solarzellen tagsüber produzieren, für den Abend speichern können. Das Besondere an den Akkus von Sonnen ist, dass sie es außerdem erlauben, Energie in einem Zusammenschluss aus Einzelhaushalten zu teilen.

Statt dass ein Haushalt im sonnigen München seinen Solarstrom-Überschuss für wenig Geld ins Netz einspeist, von wo ihn ein Haushalt aus dem bewölkten Hamburg dann wieder teuer bezieht, bildet die Sonnen-Community ein virtuelles, dezentrales Kraftwerk, das Strom dorthin verschiebt, wo er gebraucht wird. Und das rechnet sich: Community-Mitglieder beziehen ihren Strom für eine Flatrate von nur 19,90 Euro im Monat.

Damit reißt das Sonnen-System die Wand zwischen Konsumenten und Produzenten endgültig ein.

Damit reißt das Sonnen-System die Wand zwischen Konsumenten und Produzenten endgültig ein und verbindet die beiden Instanzen zu einer einzigen – den Prosumern. Die kannte man bisher eher aus dem Internet, wo der Begriff im Rahmen von „User Generated Content“ gebräuchlich ist. Ganz allgemein gesprochen ersetzen Prosumer das alte Restaurant-Modell durch ein Fest, bei dem jeder etwas Selbstgekochtes mitbringt.

Und dieses Fest nimmt immer größere Ausmaße an: Schon heute gibt es im deutschen Energiesektor um die 1,6 Millionen Prosumer – von denen die meisten ausschließlich mit den großen Vier handeln. Diese Zahl könnte in den nächsten Jahren jedoch deutlich wachsen, wenn heimische Solaranlagen erschwinglicher werden. Und wenn Unternehmen wie Sonnen dafür sorgen, dass das Prosumer-Dasein sich wirtschaftlich lohnt.

Made in Germany – Die Stromspeicher von sonnen

Für die großen Energiekonzerne könnten also schwierige Zeiten anstehen. Für die Umwelt ist diese Entwicklung, welche die stockende Energiewende beschleunigen könnte, dagegen sicher positiv zu bewerten. Sonnen wird eine ganz besonders sonnige Zukunft vorausgesagt. Noch ist das Unternehmen zwar ein eher kleiner Player auf dem Energie-Markt: Gerade mal 450 Mitarbeiter beschäftigt Sonnen weltweit, erst 40.000 Solarbatterien wurden installiert, und Gewinne gibt es auch noch keine. Gleichzeitig stehen die Zeichen auf Erfolg. Laut des Informationsdienstes IHS Markit wird der Photovoltaik-Markt allein 2019 um gut 40 Prozent wachsen. So wundert es nicht, dass Sonnen unter der Führung von Philipp Schröder Ex-Deutschland-Chef von Tesla und seit Kurzem auch schon wieder Ex-Sonnen-CEO – in mehreren Finanzierungsrunden hohe Millionenbeträge einfahren konnte.

Laut IHS Markit wird der Photovoltaik-Markt 2019 um gut 40 Prozent wachsen.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es bei dieser „Energierevolution von unten“ aber doch: Sonnen wurde Anfang des Jahres von Shell gekauft. Der Öl-Gigant befindet sich derzeit in einer großen Umbauphase. Neben der Öl- und Gasförderung, die immer noch den größten Teil von Shells Aktivitäten ausmachen, soll Strom in den nächsten Jahren zur dritten tragenden Säule des Geschäfts werden.

Die Übernahme brachte Sonnen viel Kritik von Umweltaktivisten ein. Shell ist nicht unbedingt ein Name, den man mit der Energiewende in Verbindung bringt. Und auch die Story von der „Revolution von unten“ lässt sich schwerer vermarkten, wenn eine gelbe Muschel auf dem Umschlag prangt.

Das Positive ist jedoch: Niemand muss – um zum Bild des Fests zurückzukehren – essen, was der Öl-Gigant kocht. Shell stellt nur die Location, die Plattform. Die Prosumer bringen ihren eigenen, umweltfreundlichen Salat mit und bleiben beim Fest weitestgehend unter sich. Und Sonnen erhofft sich von der Zusammenarbeit einen leichteren Zugang zum Weltmarkt – nicht nur, weil das einen höheren Umsatz verspricht, sondern auch, weil das System umso besser funktioniert, je mehr Menschen daran beteiligt werden.

„The more, the merrier“, sozusagen. Das Buffet ist eröffnet.