Hamburg: 22.02.2017

Autor: Christian Litz

Gemeinsam besser klingen

Seit 20 Jahren verhilft der Steinway-Klavierstimmer Georges Ammann großen Pianistinnen und Pianisten zum idealen Ton, so auch der Mozart-Expertin Mitsuko Uchida. Porträt einer Beziehung auf der Suche nach dem perfekten Klang.

Wenn sie auf Tournee geht, ist Ammann dabei. Sie ist der Star. Er – so wichtig er ist – unbekannt. Und doch die andere Hälfte. Zustande kam die Paarung vor etwa 20 Jahren. Ammann ging in die Konzerte aller großen Pianisten, lernte Mitsuko Uchida kennen – und der Rest ist Geschichte. Von Stund an stimmte Ammann für Mitsuko Uchida die Flügel.

„Sie ist der große Star. Aber er ist die andere Hälfte.”

Ammann beschreibt die Zusammenarbeit als „eine Beziehung der höchsten Hochachtung. Es ist ein Vertrauensverhältnis, in dem er Dinge erfährt, die sehr persönlich sind.” Er sei wie ein guter Arzt, dem der Patient vertraut.

Nur wenige Pianisten leisten sich heute noch einen persönlichen Stimmer, nur wenige sind immer noch mit eigenen Flügeln unterwegs. Ammann hat am Berner Konservatorium Piano studiert, danach in der Schweiz Klavierbau gelernt, dann bei Steinway Flügelbau. Sein Gehör habe er sich erarbeitet. „Das muss man trainieren. Es geht nicht um Talent, man muss trainieren, trainieren, trainieren.”

Wenn der Meister stimmt, lauschen die Kollegen andächtig: Georges Ammann bei Steinway & Sons in Hamburg.
Ammann beschreibt die Beziehung zum Pianisten als sehr eng: Er sei wie ein guter Arzt, dem der Patient vertraut.

„Das Gehör muss man trainieren, trainieren, trainieren.”

Einmal sagt er bei dem Gespräch langsam und überlegt, dass „viele Stunden Arbeit in Reinheit übersetzt werden”. Später wie jemand, der seine passende Rolle im Leben gefunden hat „Ruhm fehlt mir nicht. Als Stimmer fährt man mit im Auto, ja. Das ist Teamarbeit. Aber vorne steht nur der Pianist. Und das gönne ich ihm von Herzen.”

Im Januar 2017 gab Mitsuko Uchida, die in Japan geborene Engländerin, mit Stücken von Mozart, Schumann und Widmann den ersten Klavierabend in der Hamburger Elbphilharmonie. „Frau Uchida macht 40 Konzerte im Jahr, da kann ich keinen zweiten Pianisten neben ihr haben” sagt Ammann und klingt ein wenig wie ein Priester. Sie war schon wer als die beiden zusammenkamen, aber der Durchbruch nach ganz oben kam mit ihm. Er stimmte die Flügel als sie begann die Klaviersonaten Schuberts komplett einzuspielen. Nachdem sie sich mit ihm zusammengetan hatte, wurde sie von der Queen zum Commander of the Order of the British Empire ernannt.

„Ein Ton ist sofort weg, nur noch als Erinnerung im Kopf.”

Spricht man mit Ammann über die Zusammenarbeit mit Pianisten, wird daraus immer ein Gespräch über Klang und dabei geht es Ammann um Nuancen, die ein Laie nicht hört, gar nicht hören kann. „Derart feine Nuancen erkennt man nicht, wenn man im Publikum sitzt”, sagt er. Dazu kommt: ein Ton ist sofort weg, nur noch als Erinnerung im Kopf. Darüber zu sprechen sorgt für Unsicherheiten. Ammann sagt, Stimmgabeln benutze er nicht, denn sie benötigen eine bestimmte Temperatur, um genau zu sein. Er habe da eine App auf dem Smartphone, die sei hundertprozentig exakt.

Am Flügel und doch immer im Schatten der Künstler: „Vorne steht nur der Pianist. Und das gönne ich ihm von Herzen”, sagt Georges Ammann
„Ein Piano ist so unterschiedlich und eigen wie ein Mensch”, sagt Ammann, der Pianist, Klavier- und Flügelbauer ist.

Ammann ist in Sphären unterwegs, wo nicht mehr eindeutig ist, was man wirklich gehört hat oder vielleicht nur gehört haben will. In diesen Sphären kommuniziert er mit Uchida. Diskret. Aber was er von der Zusammenarbeit mit Piano-Großmeistern berichtet, klingt nach psychologischer Feinarbeit. Kommunikation mit Pianisten ist nicht immer einfach. Sie sind Musiker, denken in Klängen, Tönen, in Atmosphäre. „Die meisten Pianisten mögen nicht, dass man viel miteinander redet. Sie denken in anderen Sphären. Wünsche sind nicht immer eindeutig. Als Stimmer wird man selbst auch ein bisschen schwierig.” Es geht darum, zuzuhören und zu interpretieren, auf Stimmungen zu achten, eine Verbindung herzustellen. Und am Flügel etwas zu verändern.

Ammanns Arbeit ist nicht nur Psychologie. Wenn er an einen fremden Flügel kommt und mit dem Stimmen beginnt, bestimmte Tasten anschlägt, erkennt er, welcher der großen Konzertpianisten der Welt zuletzt hier saß. „Es gibt einen ganz persönlichen Klang einzelner Künstler.” Er meint nicht das Konzert, sondern den Klang des Flügels am nächsten Tag. „Ein Piano ist so unterschiedlich und eigen wie ein Mensch.” Einen wichtigen Teil seiner Arbeit bezeichnet er als „wissenschaftlich”. Mit einer Nadel arbeitet er an dem Filzbelag der Hammerköpfe. „Da sieht man jeden gespielten Ton. Mit der Nadel steche ich den Filz und muss genau wissen, wohin und wie stark. Dafür braucht man wirklich Fingerspitzengefühl.”

„Es geht darum, zuzuhören und zu interpretieren, eine Verbindung herzustellen.”

Zurück zur Psychologie: manche Pianisten, auch ganz große, haben diese Panik: „Es gibt welche, die setzen sich an ein Piano und spielen los, völlig sicher. Aber andere nicht.” Die kommen zur Probe, spielen und bekommen mit der Zeit das Gefühl, das kann nichts werden. Irgendwas klingt falsch. Irgendwas. Muss am Flügel liegen. Sie rufen den Stimmer, und der wird dann schnell mal zum Berater. Der am Piano rumschraubt. Vielleicht auch mal nur so pro forma. „Das ist eine psychologische Sache. Man macht was, damit er zufriedener ist, sich die Blockade löst und der Künstler das Gefühl bekommt, das geht jetzt. Ich beruhige Künstler, muss Lösungen finden. Alles ist sehr gefühlsbetont also relativ.”

Relativ? Ja, Musik im Konzert hören sei relativ. „Es ist ein Moment, den Sie in einer bestimmten psychischen Verfassung erleben. Da sind so viele Sachen, die Einfluss haben auf das Erlebnis.” Der Saal sei wichtig. Der Künstler. Der Flügel. Der Zustand des Zuhörers. Der des Stimmers. Seine Arbeit könne er nicht gestresst machen. „Es ist sehr wichtig, entspannt zu arbeiten, einen freien Kopf zu haben. Sie dürfen nicht in einer Krise sein.” Sagt der Mann, der 300 Nächte im Jahr in Hotels übernachtet und für den Privatleben ein Fremdwort ist. „Das ist mein Leben. Das stimmt so für mich.”

„Ein Piano ist so unterschiedlich und eigen wie ein Mensch.”