Hamburg: 29.06.2017

Autor: Christian Litz

Gemeinsam aufsteigen

Vorspann: Silke Richter ist eine erfolgreiche Spitzenmanagerin, erfahren, weit gereist – und in Rente. Margarita Samuseva ist auf dem Weg nach oben – und jung. Die Erfahrene hilft der Ehrgeizigen, die eigenen Fehler nicht zu wiederholen – und lernt selbst dazu.

Leben eins und Leben zwei von Silke Richter sind eng verzahnt. „Zum Glück“ sagt sie. Nicht, dass sie ihr Leben als Führungskraft schlecht gefunden hätte, im Gegenteil. Sie hat es mit Erfolg gemeistert, ging vergangenes Jahr, mit 63 Jahren, in den Ruhestand. Sie, eigentlich promovierte Meteorologin, war lange Führungskraft bei Vattenfall. Zuletzt verantwortlich für die IT des Verteilnetzes des Stromkonzerns. Nicht nur in Hamburg oder nur in Berlin, wo der schwedische Staatskonzern seine Schwerpunkte in Deutschland hat, auch in Schweden, Finnland und Polen war sie während ihrer Zeit bei Vattenfall tätig. „Ich war nie mal eine ganze Woche zuhause.“ Aber das sei Okay gewesen, sie habe nichts gegen Hotelzimmer und gegen abwechslungsreiches Arbeiten. Im Gegenteil. „Ich habe sehr gern gearbeitet“, sagt die Hamburgerin.

Mal hier, mal dort, viel unterwegs, viel Arbeit, viel Führungsarbeit, viele Stunden. Probleme lösen. Probleme möglichst früh erkennen. Strukturen schaffen, die keine Probleme aufkommen lassen. Krisen vermeiden, wenn sie doch kommen, Krisen meistern. Managen. Zehn, zwölf Stunden Arbeitszeit am Tag. Daneben saß sie auch in vielen Assessment-Centern des Konzerns als Beobachterin, um den richtigen Nachwuchs zu finden. Silke Richter beschreibt sich als strukturiert, organisiert, kommunikativ, flexibel. Sie ist voller Know-how aus dem Berufsleben. Erfahren in IT, erfahren im Führen und im Organisieren.

 

 

„Ich habe sehr gern gearbeitet.” (Silke Richter)

Und jetzt?

Leben zwei sieht so aus: Immer dienstags geht Silke Richter zum Klavierspielen. Freitags macht sie mit ihrem Mann Sport. Die Kinder sind aus dem Haus, der jüngste Sohn promoviert. Sie kann ihm noch ab und zu Ratschläge geben. Aber sonst? Gartenarbeit, ja, die mache Spaß. Mehr lesen, ja auch das. Silke Richter hat jetzt Zeit sogar zum Nähen. Sie genieße das schon, „dieses auf der Couch sitzen“. Sagt sie.

Das neue Leben war schön. Aber wenn Silke Richter davon erzählt, kommt der Verdacht auf, ihr fehlte was: Arbeit. Und dann sagt sie schließlich, dass sie noch etwas mache, das wichtig ist, etwas, das nützt und etwas das ihr Spaß bringe. Das ist die Überschneidung ihrer beiden Leben. Silke Richter ist Mentorin. Sie hilft Studentinnen an der Universität Hamburg und Berufseinsteigerinnen.

„Ich will mein Wissen weitergeben.” (Silke Richter)

Margarita Samuseva im neuen Job: Bosch war erst nur ein Traum.
Heute ist Samuseva dort Funktionsentwicklerin für radarbasierte Fahrerassistenzsysteme.
Mentorin Silke Richter: Sie machte ihrem Mentee Margarita Samuseva Mut für die Bewerbung.

„Zum Glück“ sagt Margarita Samuseva. Die ist 25 Jahre alt, hat gerade ihr Mathematikstudium in Hamburg beendet und bei Bosch Engineering in Abstatt angefangen.

Da kam sie nur hin, weil ihr jemand einen Stoß gegeben hat: Silke Richter.

Margarita Samuseva beschreibt ihre Mentorin so: Silke sei ein Mensch, der nie auf einer Stelle sitzt, sondern energiegeladen. Und es sei schwer, nicht mit ihr klar zu kommen. Die beiden Frauen sind noch immer in Kontakt, klar, denn sie, die Junge, sei ja in einer ähnlichen Situation wie Silke Richter früher. Sie sei eine von wenigen Frauen mit etwa 30 Männern in einer technischen Abteilung. Da könne sie von Silke Richters Erfahrungen profitieren.

Bei Bosch ist Margarita Samuseva Funktionsentwicklerin für radarbasierte Fahrerassistenzsysteme. Sie sagt, Bosch war ein Traum aber nie Realität und dann sagte Silke Richter bei einem Gespräch: „Ach was, bewerben Sie sich!” Das hätte sie von alleine nie gewagt.

Mentor-Mentee-Geschichten werden oft reduziert auf: Mentor hilft, Mentee hat was davon. Bekommt Rat, Ideen und Hilfe. Über Mentees wird meist mehr erzählt, denn sie stehen für Zukunft, für Veränderung, für Probleme und deren Lösung. Manchmal wird noch berichtet, dass Mentoring ein Frauenthema ist: Frauen helfen Frauen in einer Männerwelt. Mentoring ist oft weiblich, denn da ist ja Bedarf. Das sieht auch Silke Richter so: „Motivation für mich war auch die Frauenförderung.”

Gerade in technischen Berufen gebe es immer noch viel Nachholbedarf. Sie kann jungen Frauen was erzählen vom Leiten von Abteilungen in denen sonst nur Männer arbeiten. Das ist der eigentliche Grund für Mentoring. Oder zumindest dafür, dass Mentoring meist von Frauen für Frauen gemacht wird.

„Wir haben uns sofort gut verstanden.” (Margarita Samuseva)

Der zweite Standardsatz der beim Beschreiben von Mentoring benutzt wird ist, stark vereinfacht, ein ökonomischer: Sie haben sich so viel Wissen und Erfahrung angeeignet, es wäre schade, wenn das alles einfach in den Ruhestand ginge. Verschwendung. Auch das sieht Silke Richter so. Sie wolle ihr Wissen weitergeben über Führungsaufgaben, den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen, die Situation als einzige Frau in einer technischen Abteilung zu arbeiten, über die Schwierigkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das ist das volkswirtschaftliche Erklären von Mentoring.

Das besondere an Silke Richter ist, dass sie auch über den dritten Aspekt spricht. Sie sagt: „Ich brauche die Kommunikation.“ Sie selbst hat also was davon. „Ja, habe ich. Ich möchte was machen, das anspruchsvoll ist und kommunikativ.“ Sie hätte einfach Golfspielen können. Sie will nicht nur Klavier spielen oder den Garten pflegen. Mentoring ist nicht einfach nur nett und effektiv, sondern verzahnt ihr altes und ihr neues Leben miteinander.

Das Mentoring habe so gut funktioniert, weil wir beide „durchgetaktet und durchgeplant“ sind, sagt Margarita Samuseva. Sie kam immer zu den Treffen und wusste vorab, was sie wissen möchte. Das Bewerbungsgespräch hätten sie geübt. Mehrmals. Im Detail. Wichtig sei gewesen: „Wir haben uns sofort gut verstanden.“ Ihr Werdegang sei ja ähnlich. Auch für Margarita Samuseva  fing es mit einem professionellen Assessment Center an. Zehn Beobachterinnen, teilweise potentielle Mentorinnen und acht besonders begabte Studentinnen. Sie hätte das Gefühl gehabt, sie passe da nicht richtig hin, die anderen seien alle so kommunikativ gewesen. Aber sie hat es geschafft.


„Ich habe sehr gern gearbeitet”, sagt Richter heute über ihre Berufstätigkeit - und genießt die freie Zeit im Grünen.

„Alleine hätte ich mir die Bewerbung bei Bosch nie zugetraut.” (Margarita Samuseva)

Jetzt ist Silke Richters Woche so eingeteilt: Freitags Sport. Montags, wenn denn die Sonne scheint, Garten. Dienstags Klavier. Mittwoch und donnerstags Mentoring. Sie geht dafür wieder ins Büro - ehrenamtlich zur Arbeitsstelle Expertinnen-Beratungsnetz/Mentoring der Universität Hamburg. Man könne sich auch per Skype unterhalten. Aber der Normalfall sei Büro. „Persönlich ist besser“, sagt Silke Richter.

Das Expertinnen-Beratungsnetz verfügt über einen Pool von 90 ehrenamtlichen Mentorinnen und bietet mehrere Möglichkeiten. Da ist das Kurzprogramm mit Kennenlern-Gespräch, dem drei Termine mit einer Mentorin folgen. Oder das UNICA-Programm. Das dauert länger meist vier Jahre und innerhalb dieser trifft man sich einmal im Quartal. Es unterstützt „herausragende Absolventinnen“ und verfügt zusätzlich über ein umfangreiches Begleitprogramm. Die Mentee, also diejenige, die was lernen will, muss die treibende Kraft sein. Muss Fragen stellen und Ratschläge einfordern.

Das Expertinnen-Beratungsnetz will junge Einsteigerinnen unterstützen, die Potential haben. Dass die Suchenden die richtige Hilfe bekommen, erfordert, sagt Silke Richter, Struktur. Zuerst ein Fragebogen, dann ein Klärungsgespräch, dann erst die Zusammenführung von Mentorin und Mentee. „Es muss ja passen. Da geht es um Vertrauen.“ Sie übernimmt inzwischen beim Beratungsnetz nicht nur Mentees sondern auch Klärungsgespräche und kümmert sich um IT-Fragen. Sie arbeite einfach gerne. Wenn mal zwischendurch auch das Telefon klingelt und eine Mentee außer der Reihe eine Frage habe, gerne. Sie sei flexibel, sagt Silke Richter.