Hamburg: 31.01.2019

Autor: Marc Bielefeld

Toll vergeigt

 

Pleiten, Pech und Patzer? Her damit! Auf „Fuckup Nights“ gehören Fehler zum guten Management und wird das Scheitern zur Show.

Peter Kowalsky trägt grüne Jeans und braune Stiefeletten, als er die Bühne betritt, sein Hemd hängt aus der Hose, und die Geschichte seines Scheiterns beginnt er mit diesen Worten: „Ja, hallo, ich habe eine Powerpoint-Präsentation dabei.“ Im Hörsaal der Uni Köln sind alle still, denn was der Gründer der Marke Bionade gleich verkünden wird, ist eine auf den ersten Blick eher sonderbare Philosophie des Managements. Eine Art Lobgesang auf Pleiten, Pech und Pannen. Die Glorifizierung des Versagens.

„Die Erfolgsgeschichte der Bionade ist eine totale Scheitergeschichte“, sagt Kowalsky, 49, zu seinem Publikum. Sagt, dass es ganz normal ist, „auf die Klappe zu fliegen“, wenn man etwas Innovatives wagt. Hinter ihm auf der Leinwand steht in diesem Moment zu lesen: „Vom Scheitern lernen.“ Und dann zählt er auf. Dass die Familienbrauerei bankrott war. Dass sie, die Mitglieder der Bionade-Familie, zehn Jahre lang an der Idee für eine gesunde Kinderlimonade gearbeitet haben. Dass danach nicht nur alle Mitarbeiter weg waren, sondern auch 1,5 Millionen Euro an Investitionen. Dass die Bionade von den Medien verrissen wurde, als sie mit McDonald’s kooperierten. Dass ihnen Werbekampagnen um die Ohren gehauen wurden.

Der Beamer projiziert nun diesen Satz: „Werbung – ist total in die Hose gegangen.“ Dann erzählt Kowalsky, wie sie das Scheitern ganz bewusst als Motiv für die Werbung nutzten. Dass das Getränk plötzlich „hip“ wurde und der Erfolg kam. Nun leuchtet dieser Satz auf: „Alles ist super.“ Dann verkauften sie die Marke. Der nächste Fehler, wie Kowalsky keineswegs kleinlaut einräumt, sondern lächelnd erzählt. Denn danach eröffnete sich ihm die Chance, „wieder aufzustehen“. Etwas Neues zu machen. Eine neue Idee, ein neues Produkt. Mit allem, was er aus seinen Fehlern gelernt hatte. Das Publikum applaudiert.


Peter Kowalsky auf der Fuckup Night in Köln

Es sind Studenten darunter, junge Unternehmer, Gründer von Start-ups. Kowalsky macht ihnen Mut. Der gescheiterte Erfolgsmann, der erfolgreiche Scheiterer. Und dabei ist er nur einer von vielen, die ihren Schiffbruch auf die Bühne tragen – wie hier bei den „Fuckup Nights Cologne“, wo die Kultur des Scheiterns Programm ist.

Früher wurden Patzer im Geschäftsleben nur ungern an die große Glocke gehängt. Wenn man einen Misserfolg zu verbuchen hatte, kamen Freunde oder Familie und sagten Sätze wie diese: „Mach dir nichts draus. Wir alle machen Fehler. Kopf hoch, das wird schon wieder.“ Eine kleinere oder größere Havarie im Business wurde tunlichst kaschiert, höchstens im engen Kreis hieß die Devise: Stehe zu deinen Fehlern – und lerne daraus.

Dann brach die Zeit der Offenlegung an. Seit den 1990er Jahren ist die „Fehlerkultur“ zu einem feststehenden Begriff unter Managern avanciert. Zahllose Bücher und Artikel widmeten sich der „Kunst des Scheiterns“, besangen das „Menschenrecht auf Irrtum“ und schrieben Fehlern am Ende gewinnbringendes Potenzial zu. Vor allem Change- und Innovationsmanager sind heute schon fast dazu aufgerufen, Fehler zu machen, Pannen zu provozieren, Rückschläge zu akzeptieren – um letztlich klüger, effizienter und zielstrebiger aus der Krise hervorzugehen. Fürs Scheitern muss sich seither niemand mehr schämen. Scheitern eröffnet vielmehr neue Chancen und ist hier und da fast schon ein Muss auf der Karriereleiter.

Höhepunkt dieser Umkehrdenke sind derzeit die „Fuckup Nights“, auf denen Manager, Politiker und Unternehmer nicht nur von Herausforderungen sprechen, sondern vor allem davon, wie sie Projekte in den Sand setzten, Produkteinführungen gegen die Wand fuhren oder wie Ideen in die falsche Richtung führten.

Teilnehmerin einer Fuckup Night

„In Firmen oder Chefetagen von Fehlern zu sprechen oder sie gar zuzugeben, das war lange ein Tabu“, sagt der Wirtschaftspsychologe Michael Frese, Professor an der Leuphana Universität in Lüneburg und an der Business School der Nationaluniversität Singapur. „Heute hat sich das stark geändert, viele Chefs haben begriffen, dass Fehler ein Rohmaterial fürs Lernen sind.“ Frese beschäftigt sich seit 1984 mit dem Phänomen des Versagens in Unternehmen und hat den Begriff des „Fehlermanagements“ geprägt. Dass Pleiten heute regelrecht inszeniert werden, hätte allerdings selbst er nicht gedacht. Doch inzwischen sind die Fuckup Nights eine weltweite Bewegung. Jeden Monat betreten CEOs, Unternehmensgründer und Manager aus Städten wie Berlin, Hongkong oder New York die Bühnen und sprechen offen über ihre Patzer im Business.

Auf Seiten wie www.fuckups.de oder www.fuckupnights.com haben sich ganze Communitys ums Scheitern gebildet. In über 300 Städten in 80 Ländern haben bereits 1.578 Menschen ihre Fehler im Berufsleben akribisch dargelegt. Und fast 200.000 Gäste hörten zu, als Manager gänzlich ungeniert davon erzählten, wie ihr Unternehmen crashte, wie Deals platzten oder neue Strategien nach hinten losgingen. Das Motto der Scheiterfreunde: „Wir leben ohne Filter.“

In Dresden stand die Journalistin Inga Höltmann auf der Bühne und berichtete über ein gescheitertes Online-Magazin. Sie hielt danach einen Zettel hoch, auf dem sie sich einen neuen Leitsatz notiert hatte: „Fail harder! Scheitere härter – denn wenn ich mich nicht traue Fehler zu machen, bleibe ich stehen.“ In Berlin stellte sich der Kaffeemaschinenproduzent Hans Stier vor das Rednerpult und plauderte über die Absurditäten seiner Insolvenz.

Manche Fuckup Nights werden inzwischen angekündigt wie Festivals, Karten gibt es im Vorverkauf, die Hörversionen als Podcasts, und manche der Makeloffenbarungen erlangen sogar Kultstatus. Etwa wenn die Fuckup Night mit „Promiflash“ daherkommt und Schauspieler Jürgen Vogel den Firmenchef Achim Schulz dabei unterstützt, als dieser das bittere Ende seines Mountainbikehandels darlegt. Ganz ohne Happy End.

„Im betrieblichen Alltag ist das Scheitern noch längst nicht überall angekommen.“

Auf einer Fuckup Night in Frankfurt stand auch schon FDP-Chef Christian Lindner und sprach über seine Zeit als Gründer. Und davon, wie seine einstige Internetfirma „Moomax“ während der Börsenblase der New Economy zerbrach. Lindner gilt seither als der „Schutzheilige der Gescheiterten“ („Spiegel Online“). Die Fuckup Nights sind ein vielschichtiges Phänomen. Vielen bieten sie lehrreiche Beispiele, anderen dienen sie als Mutmacher, den Protagonisten auch als Bühne zur Selbstdarstellung. Dabei fragt sich, ob die Inszenierungen nur eine bizarre Nische besetzen und das Scheitern zur Show machen oder ob sie tatsächlich für einen Wertewandel stehen. Noch immer spiele sich das Zugeben von Fehlern eher im „sprachlichen Bereich“ ab, sagt Professor Frese. „Im betrieblichen Alltag ist das Scheitern noch längst nicht überall angekommen.“ In vielen Firmen werden Misserfolge noch immer abgestraft und weniger als Chance gesehen. Denn das Schwierige und Entscheidende kommt freilich erst nach dem Fehler: die penible Analyse und die Aufarbeitung.

Das Lernen aus dem Rückschlag. Innovationen, so Frese, machen Fehler jedoch unvermeidlich. Denn wer wagt, gewinnt – und wer wagt, greift fast zwangsläufig auch mal in die Tonne. Die Unternehmen und Chefetagen werden das in Zukunft nicht nur begreifen und verinnerlichen, sondern auch danach handeln müssen. Denn vor allem das digitale Zeitalter und die schnellen Neuerungen machen die Fehlerkultur heute nicht nur möglich, sie erfordern sie geradezu. Wer schneller Fehler macht und eher daraus lernt, kommt auch schneller zum Ziel. Der denkt schneller um. Passt sich effizienter an. Kommt früher mit dem perfekten Produkt auf den Markt. Die lieben Computer sind auch hier, wenn man so will, mal wieder die Vordenker. Denn sie machen Simulationen möglich, sie beherrschen das Spiel mit tausend Möglichkeiten.

„Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen.“

Das System „trial and error“, das Ausprobieren, ist ihnen einprogrammiert. Computer können in einer Sekunde eine Million Fehler produzieren – allerdings auch nach zwei Sekunden die beste aller Lösungen ausspucken. Die Softwareentwickler haben das Prinzip schon lange erkannt. Frese: „Sie waren schon immer fehlerfreundlicher als klassische Produktmanager.“ In der unternehmerischen Realität hingegen herrscht derzeit eher noch ein „Clash der Philosophien“, wie Frese es nennt. Die Fehler-Verteufler hier, die Fehler-Befürworter dort. Doch die Zeiten ändern sich. Sie werden liberaler, moderner, schneller, effizienter, vielseitiger, bunter, schriller, härter und unvorhersehbarer. Vielleicht werden sie auch klüger und vielleicht sogar besser. Nicht weil die Fehler sich ändern – sondern der Umgang mit ihnen.

Die Fuckup Nights mögen darum ein schrilles Phänomen sein, und nur als vorübergehende Showeinlagen existieren. Allemal aber öffnen sie eine Tür und brechen mit einem starren Denkmuster. Und das in einem sprachlich modischen Gewand: To fuck up ist gut. Vergeigen ist geil. Neu ist das alles natürlich nicht. Schon viele Dichter und Denker wussten, dass Patzer Potenzial haben und irren nicht nur menschlich, sondern durchaus auch zukunftsweisend ist. Aristoteles sprach: „Einen Fehler durch eine Lüge zu verdecken heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen.“ Der Historiker Thomas Carlyle sagte: „Der Schlimmste aller Fehler ist, sich keines solchen bewusst zu sein.“ Und Winston Churchill wusste: „Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst, er gibt auch anderen eine Chance.“ Der Satz sitzt. Auf einer Fuckup Night würde man heute ganz groß damit herauskommen.