Hamburg: 29.08.2019

Autor: Julia Nolte

Knochenjobs – ganz leicht

 

Gemeinsam stärker werden: Mensch-Maschine-Systeme verändern die Arbeitswelt. Exoskelette zum Beispiel machen körperliche Arbeit gesünder – und wieder attraktiver. Wie funktioniert das genau?

Schade, wenn beim Skifahren der Schnee gerade so pulvrig ist und die Pisten ganz leer sind und der Himmel aufklart – und dann die Beine schlappmachen. Jetzt ein Exoskelett! Möglich, dass Skifahrern in der nächsten Saison dieser Gedanke kommt, denn der US-amerikanische Hersteller Roam Robotics hat 2018 ein Exoskelett für Skifahrer vorgestellt. Das Produkt gegen weiche Knie ist eine Kombination aus Schienen, Sensoren und Software. Es wird um die Beine geschnallt und soll die Kniegelenke der Sportler unterstützen.

Mehr Ausdauer beim Sport ist schön. Richtig nützlich wird es, wenn Exoskelette am Arbeitsplatz helfen. Dort können sie körperlich schwere Tätigkeiten erleichtern, zum Beispiel in Paketzentren, Pflegeeinrichtungen oder Produktionsstraßen. Beim Autobauer VW in Bratislava zum Beispiel ist das „Paexo Shoulder“ im Einsatz: Ein unterstützendes Gestell, das vom deutschen Orthopädietechnikunternehmen Ottobock gefertigt wird (neben Prothesen und Rollstühlen). „Paexo Shoulder“ funktioniert mechanisch, also ohne Motor. Die Mitarbeiter legen es an wie einen Rucksack und können damit leichter Bauteile an Fahrzeugen über Kopf montieren. Das Gewicht der erhobenen Arme wird mit einer Seilzugtechnik auf die Hüfte abgeleitet.

Das kleinste Exoskelett der Welt
Die Entwicklung geht immer weiter. Auf der Hannover Messe präsentierte Ottobock jüngst „das kleinste Exoskelett der Welt“. Es wirkt unscheinbar wie ein Fingerhut, hat es aber in sich. Wer das „Paexo Thumb“ aufsetzt, kann zum Beispiel mühelos Stopfen in die Öffnungen einer Karosserie drücken – ein typischer Bewegungsablauf in der Autolackiererei. Das Mini-Gestell leitet die Kräfte um. Den Druck übt die Trägerin oder der Träger also nicht mehr mit dem empfindlichen Daumengelenk aus, sondern mit der ganzen Hand. Eine enorme Erleichterung für 99 Euro, die das Gerät aus dem 3-D-Drucker kostet.

Ob klein oder groß, das menschliche Skelett schützen, indem ein künstliches Skelett drumherumgelegt wird – diese Idee steht hinter dem Exoskelett. Und diese Idee hat das Zeug dazu, die Arbeitswelt zu revolutionieren. Mit Exoskeletten wird es möglich, körperlich anstrengende Arbeiten auch mit geringerer Kraft oder abnehmender Kraft auszuführen. Die Rettung in Zeiten von Fachkräftemangel und einer alternden Gesellschaft?

Kraftanzug mit dem actionfilmreifen Namen „Cray X“
Kraftanzug mit dem actionfilmreifen Namen „Cray X“
Kraftanzug mit dem actionfilmreifen Namen „Cray X“

Kraftanzug nicht nur für Actionfilme
Jedenfalls ist der Nutzen, den man sich hierzulande von Mensch-Maschine-Systemen verspricht, enorm. Das sieht man am Deutschen Gründerpreis. 2019 ist er in der Kategorie Start-up an ein junges Unternehmen aus Augsburg gegangen, das genau auf diesem Gebiet tätig ist: an einen Exoskeletthersteller. German Bionic ist nach eigener Angabe weltweiter Innovationsführer bei „aktiven“ Exoskeletten, die menschliche Bewegungen mit Motorkraft unterstützen. Beugt sich der Nutzer vor, um etwas anzuheben, schalten sich automatisch kleine Motoren hinzu. Acht Stunden hält der Akku, solange lassen sich schwere Pakete und Werkzeuge mit weniger Mühe handhaben, etwa bei der Arbeit im Lager. Der rot glänzende Kraftanzug mit dem actionfilmreifen Namen „Cray X“ kostet bis zu 40.000 Euro. Er soll den unteren Rücken entlasten und so „eines der drängendsten Gesundheitsprobleme unserer Arbeitsgesellschaft lösen: Rückenschmerzen“, wie Mitgründer Armin G. Schmidt sagt. Menschliche Intelligenz und maschinelle Kraft – diese Kombination macht körperliche Arbeit gesünder und, so die Hoffnung, damit auch wieder attraktiver für Arbeitnehmer.

Mitgründer Armin G. Schmidt

Und da geht noch mehr: Die Hightech-Hebehilfe lässt sich auch für die Industrie 4.0 nutzen. Mit passender Software kann „Cray X“ seiner Trägerin oder seinem Träger auch Rolltore automatisch öffnen oder Lagerplätze anzeigen.