Hamburg: 03.07.2018

Autor: Andin Tegen

„Eine Bereicherung”: Dr. Happ hilft Unversicherten

 

Eine Praxis ohne Grenzen für Menschen ohne Krankenversicherung. Ex-Chefarzt Peter Ostendorf und sein Team erfahren täglich, was es heißt gebraucht zu werden.


Eine Geschichte hat ihn besonders berührt. Da war dieser Patient, bei dem sie ein Dickdarmkarzinom diagnostiziert hatten. Der Enddarm war durch den Tumor vollständig verlegt, so dass der Mann kurz vor einer Bauchfellentzündung stand. Ein Jahr lang hatte er die Blutungen ertragen, ohne zum Arzt zu gehen. Die Scham eine Praxis für Unversicherte aufzusuchen, war einfach zu groß für ihn.

Wenn Professor Dr. Peter Ostendorf von seiner Praxis ohne Grenzen erzählt, erinnert er sich an solche Schicksale. Menschen, die Hilfe brauchen und sich nicht trauen zu ihm zu kommen, oder erst, wenn es fast schon zu spät ist. Die Praxis ohne Grenzen im Souterrain einer Seniorenanlage im Hamburger Stadtteil Horn ist für Menschen da, die keine Krankenversicherung haben und sich einen Arztbesuch finanziell nicht leisten können. Sie ist so etwas wie Ostendorfs Lebenswerk, das er mit viel Engagement und Spenden ins Leben gerufen hat.

Der ehemalige Chefarzt der inneren Medizin im Hamburger Marienkrankenhaus arbeitet hier seit 2014 mit einem Team aus pensionierten Ärzten. Jeden Mittwoch kommen weit über 100 Patienten in die Sprechstunden. Die Räumlichkeiten wurden Ostendorf kostenfrei zur Verfügung gestellt, genau wie die gesamte Praxiseinrichtung, die aufwendigen Ultraschallgeräte und Behandlungsstühle. Der frühere Bauunternehmer Reimund C. Reich ließ für 450.000 Euro die Räume renovieren und ausstatten, Geräte finanzierte unter anderem das Hamburger Spendenparlament.

Foto: Tom Roeler
Foto: Tom Roeler

Anfangs halfen nur ein paar ehrenamtliche Ärzte aus. Heute sind es 48 Mediziner aus neun verschiedenen Fachrichtungen, darunter Kinderärzte, Augenärzte, Internisten, Zahn- und HNO-Ärzte, Hautärzte, Gynäkologen, Orthopäden und Neurologen. „Mittlerweile gibt es sogar eine Warteliste von Ärzten, die helfen möchten“, sagt der 79-Jährige. Einmal die Woche seinem ehemaligen Beruf nachzugehen, auf dem aktuellen Stand zu bleiben und Menschen zu helfen, die es nötig haben, sei eine schöne Aufgabe. Hauptsächlich kämen Ausländer ohne Papiere in die Praxis, darunter viele Schwangere, aber auch Deutsche: „Insolvente Unternehmer, Ärzte, Anwälte, Architekten...“.

Sie alle profitieren davon, dass die Praxis so gut organisiert ist wie ein Ameisenbau: Rund 15 Schwestern nehmen die Patientendaten auf, helfen bei den Behandlungen oder nehmen Blut ab. Dolmetscher helfen unter anderem bei den rumänischen oder bulgarischen Patienten, eine Sozialberaterin kümmert sich um Menschen, die endlich wieder einen Versicherungsschutz haben möchten – eine Infrastruktur, die wie aus dem Nichts entstanden ist. Ostendorf ist stolz darauf, doch er muss viel dafür tun, damit es so weiter geht. Die Praxis braucht Ressourcen, um Operationen und aufwändige Therapien zu bezahlen. Während der Telefonate mit potenziellen Geldgebern blickt Ostendorf von seinem Schreibtisch aus auf die Grasnarbe vor seinem Fenster. An der Wand neben ihm hängt ein Selbstbildnis des Impressionisten Max Slevogt. Auf einer Pritsche liegt ein Bildband von Albert Schweitzer.

Die Geschichte mit dem Patienten, der unter Darmblutungen litt, ist Ostendorf so wichtig, weil sie für Menschen steht, die sich nicht trauen in seine Praxis zu kommen. Irgendwann seien ihre Krankheiten so weit fortgeschritten, dass eine Behandlung aufwändig wird. Die Erstversorgung bewältigt das Ärzteteam noch gut, aber für teure Weiterbehandlungen oder Operationen müssen die Patienten in Krankenhäuser überwiesen werden – und die behandeln oft nur gegen Vorkasse. „Eine Operation mit anschließender Chemotherapie kostet des Öfteren über 30.000 Euro“, sagt der engagierte Mediziner.

Foto: Tom Roeler
Foto: Tom Roeler

Er gerät immer wieder in finanzielle Engpässe mit der Praxis. Doch durch seine Vernetzung mit Stiftungen, Unternehmern und Ärzten kommt er auch immer wieder an größere und kleinere Geldbeträge. Was ihm wirklich zu schaffen macht ist die Versorgung von Kindern. Für deren Behandlung brauche er mehr Ressourcen. „Lediglich die Impfkosten werden seit einiger Zeit von der Gesundheitsbehörde übernommen. Mehr aber nicht, sagt Ostendorf und man merkt ihm die Enttäuschung an. Es gibt noch viel zu tun. Auch jetzt, fünf Jahre nach seiner Pensionierung.

„Wir hören erst auf, uns um Menschen zu kümmern, wenn ihre ärztliche Versorgung gesichert ist.“

Es sei jedesmal ein Freudenfest, wenn etwa die Endoklinik ein neues Kniegelenk einsetzt und sich nur die Materialkosten erstatten lässt. Oder wenn das Albertinen-Krankenhaus die Hälfte der Kosten einer Hüftoperation übernimmt. Auf eine solche Unterstützung setzen Ostendorf und sein Team auch in Zukunft. „Wir hören erst auf, uns um Menschen zu kümmern, wenn ihre ärztliche Versorgung gesichert ist“, sagt er bestimmt – und es fällt nicht schwer, ihm das zu glauben.

Foto: Tom Roeler
Foto: Tom Roeler
Foto: Tom Roeler

Zahnarzt Dr. Ulrich Happ, 72

„Ich war nie ein Rentner, der nur noch Zeitung liest. Nach der Pensionierung war ich mit zahnärztlichen Hilfsorganisationen in Kenia, auf den Seychellen und Malaysia. Den Menschen in diesen Ländern zu helfen, war eine neue und wichtige Erfahrung für mich. Die Praxis ohne Grenzen ist ein weiterer Stein im Mosaik meiner Lebenserfahrung. Seit einem halben Jahr arbeite ich hier, manchmal mit zwei weiteren pensionierten Ärzten. Wir wechseln uns in der Behandlung ab und führen Fachgespräche über die besten Untersuchungsmethoden. 36 Jahre lang war ich als niedergelassener Zahnarzt Einzelkämpfer und habe mich mit viel Bürokratie herumgeschlagen, mit Abgaberechnungen, Heil- und Kostenplänen und Protokollen. In dieser Praxis brauche ich das nicht mehr. Hier habe ich mehr Zeit für eine Untersuchung. Außerdem lerne ich Menschen aus verschiedenen Ländern kennen. Die sind alle mittellos und unendlich dankbar für eine Behandlung. Das kannte ich so nicht. In meiner Praxis damals gab es oft Patienten die dachten, man will ihnen nur teure Behandlungen aufschwatzen. Dass es jetzt nur noch um die Krankheit und nicht ums Geld geht, empfinde ich als bereichernd. Für beide Seiten.“

Foto: Tom Roeler
Foto: Tom Roeler

Zahnarzt-Assistent Dr. Fahrid Ahmed Hamyar, 56

„In meiner Heimat Afghanistan habe ich 25 Jahre lang als Zahnarzt gearbeitet. Seit der Flucht nach Deutschland versuche ich langsam wieder in meinem Beruf anzukommen. In der Praxis ohne Grenzen mache ich ein Praktikum und assistiere den Zahnärzten. Das ist als gelernter Zahnarzt zwar nicht immer befriedigend aber sehr lehrreich für mich. Hier gibt es ganz andere Technologien als in Afghanistan. Ich hoffe, dass meine Sprachkenntnisse bald noch besser werden und ich ein Zertifikat als Zahnarzt erwerbe. In dieser Praxis fühle ich mich wohl, weil ich viele Landsleute treffe und mich auch als Übersetzer von Persisch nützlich machen kann.“