Hamburg: 31.05.2018

Autor: Marc Bielefeld

Doppelt surft besser

 

Die Zwillinge namens Charchulla leben auf Fehmarn und haben mit dem Surf-Tandem die Welt erobert. Noch mit fast achtzig machen sie zusammen Musik und brettern über die Wellen. Immer nur gemeinsam.

Windschief und bunt steht die „Karibik Bar“ an der Lagune, bemalt mit Palmen und Wellen, drinnen scheppern Steeldrums und gehen Longdrinks namens „Killeralge“ über den Tresen. Die kleine schräge Bar mit der offenen Veranda könnte irgendwo auf Barbados stehen, in einer einsamen Bucht Jamaicas oder sonstwo auf den Westindischen Inseln. Tut sie aber nicht. Die „Karibik Bar“ steht auf Fehmarn, Blick auf die deutsche Ostsee bei Burgtiefe.


Und dann kommt er rein, Manfred Charchulla, Botschafter des Winds und des freien Lebens, ein Lederstrumpf mit Pfeife im Mund und herben Sprüchen auf den Lippen. Charchulla ist inzwischen fast 80 Jahre alt, trägt ein lederbenähtes Jeanshemd und zwei silberne Adler auf der Brust, eine kleine Käpt’n-Morgan-Flasche baumelt an seinem Gürtel, die Haut braun, die Augen seeblau, der gewaltige Bart ein braungraues Monstrum. Wenn es noch einen Surfhippie in deutschen Landen gibt, dann ist es dieser Mann. Ihm gehören die „Karibik Bar“ und die Surfschule nebenan

Foto: Kiên Hoàng Lê
Foto: Kiên Hoàng Lê

Wobei das so nicht ganz stimmt. Denn Manfred Charchulla ist sozusagen nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere heißt Jürgen Charchulla, ist nur 15 Minuten jünger als sein Zwillingsbruder, dem Wind, dem Strandleben und bunten Hawaiihemden jedoch mindestens ebenso verbunden wie Manfred, der als heimlicher „Hauptmann“ des Duos gilt. Aber das tut nicht zur Sache. Denn die beiden bilden quasi eine Einheit, nicht nur optisch, genetisch, philosophisch, sondern vor allem die Liebe zum Meer betreffend. Als „Surftwins“ haben sie Geschichte geschrieben. Die Charchulla-Brüder sind bekannt geworden als windsurfendes Doppelpack, das den Sport seit den siebziger Jahren mit Herzblut vorantrieb und weiterentwickelte.

„Surfen ist ein herrlicher Sport, einfach und ehrlich“, sagt Manfred Charchulla.

„Und hier auf Fehmarn findest du alles, Wellen, Flachwasser, geschützte Buchten. Wir haben viel von der Welt gesehen, aber Fehmarn ist eines der besten Reviere, die wir kennen.“
Wir. Sie sagen meistens wir, auch wenn nur einer spricht.

Foto: Kiên Hoàng Lê
Foto: Kiên Hoàng Lê

Anfang der 1970er Jahre kam der frisch erfundene Sport aus Kalifornien nach Deutschland, nicht mal eine Handvoll wasserverrückter Tüftler ging ihm hierzulande nach. Darunter die Charchullas, Windsurfer der ersten Stunde. 1939 in Kahlberg, Ostpreußen, geboren, wuchsen die Brüder an der Frischen Nehrung auf, gelangten 1945 über das gefrorene Haff in den Westen. Schon als Teenager machten sie eine Ausbildung zum Ersten Offizier, fuhren 15 Jahre lang zur See. Auf ihren weltweiten Fahrten lernten sie vor allem die Karibik kennen und schätzen, das lockere Leben dort, die Sonne, den Strand.

Nun gab es da dieses Brett mit einem Segel drauf. Die Herzen der beiden fingen Feuer.An der Möhnetalsperre und an der Sylter Munkmarsch eröffneten die Charchullas die ersten Windsurfschulen Deutschlands, schrieben bald erste Lehrbücher und etablierten Schulungsstandards, die als Basis bis heute gelten. In Bremen eröffneten sie 1973 einen der ersten Surfshops der Welt. 1975 fuhren sie nachts in einem umgebauten Krankenwagen voller Surfbretter über die Fehmarnsundbrücke, kurvten über die Insel und parkten den Wagen um zwei Uhr nachts vor den Dünen in Burgtiefe. Am Morgen stiegen sie aus, sahen die Insel und das Meer und befanden: „Hier bleiben wir!“

Seitdem gelten die schrägen Twins als die Surfmissionare Deutschlands. Wobei sie vor allem als windverrücktes Tandem Furore machten – im Wortsinn. Die beiden bauten sich erstmals ein langes Brett mit zwei Masten und zwei Segeln, auf dem zwei Mann stehen und surfen konnten. Mit diesem Tandem-Surfbrett kachelten sie durch die Weltgeschichte und brachen Rekorde. In acht Stunden surften sie als erstes Duo mit dem Wind über den Ärmelkanal, bald danach zu zweit über das Skagerrak von Dänemark nach Norwegen: 122 Kilometer in 14 Stunden, ohne Begleitboot. Auch vor Hawaii und in der Karibik wasserten sie ihr legendäres Tandem-Board, sprangen auf einer Planke gemeinsam über die Wellen.


Man muss gut surfen können für solche Aktionen. Muss synchron agieren, gleichzeitig anluven, abfallen, im selben Takt das Gewicht verlagern. Jürgen Charchulla: „Man sollte für Wind und Wellen das gleiche Gespür haben, gemeinsam zischt man dann rasend schnell über das Wasser – und das ist ein irrer Spaß.“


Auf diese Weise surfte das Duo nicht nur in Europa, sondern auch in Australien, Afrika, Panama und Venezuela über die Wellen. Und mit ihren Abenteuern landeten die beiden Surfindianer keineswegs nur in den Surfzeitschriften. Bald waren sie zu Gast in deutschen Talkshows, tauchten auf japanischen Internetseiten und in tasmanischen Zeitungen auf. Zwei Originale in Shorts und Schlappen, die mit ihrem Lebensentwurf auch das vorantrieben, was heute als moderner Funsport gilt, inklusive eines Lifestyles, der unter Marken wie Billabong, Quiksilver oder Rip Curl zum Milliardengeschäft geworden ist.

 

 

„Wir lieben den Wind, die Freiheit und das einfache Leben am Strand.“

Foto: Kiên Hoàng Lê

Surfen, Biken, Skaten, Kiten, Snowboarden: Die beiden Charchullas lebten früh vor, was heute mit jedem Trendsport als Lebensgefühl einhergeht. Hangloose. Hip sein. Anders. Cool. Doch gibt es einen Unterschied: Die beiden haben sich um den Hype des Mainstreams nie geschert. Ihre Basis ist bis heute das alte Fehmarn, wo sie als schrullige Surfzwillinge inselweit bekannt sind und sich als solche auch pudelwohl fühlen. „Wenn wir einen Tag mal nicht auf dem Wasser sind, fehlt uns was. Wir lieben den Wind, die Freiheit und das einfache Leben am Strand.“


Der eine beginnt, der andere beendet den Satz. Als sprächen Manfred und Jürgen aus einem Mund. Länger als sechs Monate waren sie angeblich nie voneinander getrennt, und noch heute surfen sie gelegentlich auf einem Brett. Braungebrannt, im Partnerlook. Und wenn sie nicht gesunken sind, dann stehen sie abends in der „Karibik Bar“ und hauen auf die Tonne. In ihren Bands Steeltwins und Los Sombreros geben alte Ölfasser den Takt an.
Ganz einfach und fast karibisch.