Hamburg: 29.11.2018

Autor: Philipp Hedemann

„Fast alle Menschen in den Industrienationen sind Cyborgs.”

 

Enno Park, 45, ist Informatiker, Blogger, Journalist, Technikphilosoph und Vorsitzender von Cyborgs e. V., einem Verein, der sich der „Förderung und kritischen Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Technik“ verschrieben hat. Im Interview spricht er über Cyborgs in Deutschland, Verschwörungstheoretiker und die Liebe zu Maschinen.

Foto: Jakob Weber

Herr Park, Sie sehen nicht gerade so aus wie man sich einen Cyborg vorstellt, bezeichnen sich aber als solcher.
Warum? Wie stellen Sie sich denn einen Cyborg vor?

Groß, stark, gefährlich und mit Superkräften. So wie den Terminator, den Robocop, den Sechs-Millionen-Dollar-Mann oder die Borgs aus Star Trek.
Die Wahrnehmung von Cyborgs ist tatsächlich stark durch Hollywood geprägt. Aber ein Cyborg ist einfach ein Mensch, der technisch modifiziert wurde, ein kybernetischer Organismus.

Und warum sind Sie ein Cyborg?
Ich war fast taub. Vor sieben Jahren habe ich mir zwei Cochlea-Implantate in den Kopf einsetzen lassen. Sie verbinden einen Sound-Prozessor mit dem Hörnerv. Seitdem kann ich wieder hören und gesellschaftlich wieder teilhaben. Auch wenn ich dank des Implantates Dinge kann, die andere nicht können – zum Beispiel das Gerät ausschalten, wenn ich meine Ruhe haben will – ist man von der implantierten Technik abhängig und bleibt wegen ihrer Einschränkungen in manchen Situationen auch gehörbehindert.

Was macht Sie neben dem Hörimplantat noch zum Cyborg?
Ich habe mir in die linke Hand zwischen Daumen und Zeigefinger einen „Near Field Communication“– oder kurz NFC-Chip implantieren lassen.

Was kann man mit dem implantierten Chip machen?
In Deutschland nicht allzu viel. Dafür fehlt hier – noch – die Infrastruktur. In Schweden sieht das ganz anders aus. Dort könnte ich mir zum Beispiel meine Zugfahrkarten auf den reiskorngroßen Chip laden. Schwedische Schaffner haben ein spezielles Gerät, mit dem sie die Informationen auslesen können. In einigen Ecken von Stockholm kann man mit dem Chip auch Bürotüren öffnen, wenn man die entsprechende Autorisierung auf dem Chip hat, sich im Fitnessstudio ausweisen oder einen Kaffee bestellen.

Und was können Sie mit Ihrem Chip anstellen?
Ich kann damit mein Telefon entsperren, aber das ist ehrlich gesagt ziemlich unpraktisch, weil ich dafür beide Hände benötige. Ich habe auf dem Chip eine digitale Visitenkarte gespeichert. Wer sein Telefon ganz nah an meine Hand hält, kann die Daten gleich in seinem Handy speichern. Das ist ganz lustig, aber natürlich auch nicht dringend notwendig. Hätte ich einen größeren Chip in der Hand, würde ich darauf meine wichtigsten Daten – wie einen Scan meines Passes und die wichtigsten Passwörter – in verschlüsselter Form speichern. Würde ich Handy und Computer verlieren, hätte ich immer noch die Daten, die ich nicht in einer Cloud speichern möchte.

Haben Sie vor, Ihren Körper mit weiteren Implantaten zu tunen?
Die Bereitschaft besteht auf jeden Fall, aber natürlich nur, wenn es medizinisch vertretbar ist und Sinn ergibt. Die meisten technischen Probleme lassen sich allerdings viel leichter außerhalb des Körpers oder mit Wearables wie Fitnessarmbändern lösen.

Gibt es in Deutschland viele Cyborgs?
Ja, fast alle Menschen in den Industrienationen sind Cyborgs, denn die meisten sind eine sehr enge Symbiose mit Technik eingegangen, auch wenn diese nicht in den Körper eingebaut ist. Die meisten Menschen fühlen sich sehr unwohl, wenn sie keinen Zugriff auf ihr Smartphone haben. Und das liegt nicht daran, dass wir die Dinger grundlos lieben, sondern weil sie für uns einen sehr hohen Nutzwert haben. Mit dem Smartphone haben wir uns ein Sinnesorgan für das ansonsten nicht hör- und sichtbare Internet geschaffen.

Welche Implantate sind heute schon machbar, was ist noch Science-Fiction?
Bei der Entwicklung von Prothesen, die Steuerungssignale aus Muskelresten aufnehmen, gibt es große Fortschritte. So können Handprothesen bereits einfache Bewegungen ausführen. Gehirnimplantate, die uns schneller reagieren, denken und lernen lassen, hingegen halte ich noch für Science-Fiction. Denn wir haben das menschliche Gehirn immer noch nicht richtig entschlüsselt und wissen deshalb nur sehr ungenau, wie wir dort eingreifen können.

Cyborg-Technik ist teuer. Besteht die Gefahr, dass wir zu einer Zweiklassengesellschaft werden: jene, die sich diese Technologie leisten können und jene, denen das nicht möglich ist?
Ja, die Gefahr besteht. Darum ist mit der technischen Frage die soziale Frage ganz eng verbunden. Wir müssen dafür sorgen, dass der technische Fortschritt zu einer verbesserten Inklusion und nicht zu einer Verschärfung der gesellschaftlichen Spaltung führt.

Aber macht uns in unsere Körper eingebaute Technik nicht sehr angreifbar? Was passiert, wenn Hacker Implantate umprogrammieren oder einfach nur die Batterie alle ist?
Ich halte diese Gefahr für kalkulierbar und akzeptabel. Wir sind doch schon jetzt extrem abhängig von Technik, Strom und Öl und entsprechend angreifbar. Natürlich müssen wir dafür Sorge tragen, uns so gut wie möglich zu schützen und resilient zu werden. Aber die meisten Menschen haben auch kein Problem damit, in ein Auto zu steigen, obwohl sie wissen, dass Autofahren mit Gefahren verbunden ist. Technik nicht zu nutzen, weil sie ausfallen könnte, wäre doch wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod!

Vielen Leuten macht die Vorstellung eines implantierten Chips trotzdem Angst ...

Ich weiß. Aber weil sich kaum wer an Piercings oder Ohrringen stört, vermute ich, dass diese Angst oft auf Unwissenheit, Mythen und Verschwörungstheorien beruht. Manche Leute haben Science-Fiction- und Agenten-Filme zu ernst genommen. Es wenden sich immer wieder Menschen an mich, die überzeugt sind, dass die CIA, Außerirdische oder der Illuminatenorden ihnen heimlich einen Chip implantiert haben und jetzt alle ihre Bewegungen überwachen. Mir bleibt dann nichts anderes übrig, als ihnen die Telefonseelsorge zu empfehlen. In diesen Chips ist kein GPS-Sender, der Chip wird erst aktiviert, wenn man ein Lesegerät an ihn hält. Aber das ist natürlich schwer einzuschätzen, wenn man nicht gerade Informatik studiert hat. Aber natürlich bin ich nicht so arrogant zu verlangen, dass alle Menschen sich entsprechend fortbilden sollten. Deshalb ist es so wichtig, dass es vertrauenswürdige Experten gibt, die unabhängig über die Chancen und Gefahren von Technik informieren. Darum habe ich mit anderen den Verein Cyborg e. V. gegründet.

Werden Sie dafür kritisiert, dass Sie dafür plädieren, den Menschen technisch zu verbessern?
Herzlich wenig. Ich hätte mit mehr Gegenwind gerechnet. Mich hat aber überrascht, dass gerade jüngere Menschen tendenziell skeptischer reagieren als ältere.

Wie erklären Sie sich das?
Die meisten jungen Menschen haben noch einen gesunden, unverbrauchten Körper und sind nicht auf technische Hilfsmittel angewiesen. Viele alte hingegen, haben bereits eine künstliche Hüfte oder ein künstliches Knie oder kennen zumindest jemanden, dessen Leben sich durch eine Prothese stark verbessert hat.

Aber spielen wir nicht Gott, wenn wir Menschen technisch aufrüsten?
Nein. Wir dürfen nur nicht der Hybris verfallen, zu glauben, dass wir unfehlbar seien.

Verschwinden die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine? Werden wir uns irgendwann in Roboter verlieben oder Freundschaft mit ihnen schließen?
Menschen können schon jetzt sehr enge Bindungen zu Maschinen eingehen. Als ich mir vor ein paar Jahren einen Staubsauger-Roboter angeschafft habe, war ich zunächst auch total fasziniert davon, wie das Ding wie ein Käfer durch die Wohnung wirbelte. Ich habe die Maschine schnell „Bernd“ genannt. Viele Soldaten bauen im Krieg zu lastentragenden Robotern eine emotionale Beziehung wie zu einem Tier auf. Doch diese Beziehung wird immer einseitig bleiben. Eine Maschine kann nicht lieben.

Ihr Verein hat 43 Mitglieder, aber es gibt Millionen Menschen, die sehr skeptisch gegenüber kybernetischen Orgasmen sind ...
Ja, es gibt Menschen, die wollen zu einem irgendwie gearteten Urzustand zurückkehren. Ich halte das weder für erstrebenswert, noch für machbar. Was soll dieser Urzustand sein? Um uns herum ist doch nichts mehr natürlich! Technik ist die Natur des Menschen! Der Mensch ist von Natur aus nun mal nicht besonders gut ausgestattet. Im Vergleich zu vielen Tieren kann er schlecht riechen, hören, sehen. Er friert leicht und kann nicht besonders schnell laufen. Aber er ist intelligent. Darum hat er unter anderem Kleidung und Häuser erfunden und hat durch die Nutzung des Feuers ungenießbare Speisen genießbar gemacht. So hat er schon vor vielen Tausend Jahren die ersten Algorithmen entwickelt. Denn ein Kochrezept ist nichts anderes als ein Algorithmus, eine Kette von Befehlen. Nach der Erfindung des Faustkeils hat schließlich auch keiner gesagt: „Ach lass mal, das brauchen wir nicht. Wir kamen doch bislang auch gut zurecht.” Oder wir wissen nicht, was aus denen geworden ist, die das vielleicht gesagt haben.

Sie glauben also, dass der technische Fortschritt das Leben besser macht?
Absolut! Ich sehe jeden Tag, was für geile Sachen man mit Technik machen kann. Mein eigenes Leben ist durch moderne Technik umgekrempelt worden. Ich kann wieder hören!

Doch Technik kann auch verheerende Schäden anrichten ...
Natürlich! Aber Technik ist nicht per se böse, auch wenn durch sie große Herausforderungen wie der Klimawandel entstanden sind. Aber wir können diese Gefahren nur durch Technik, nicht durch die Abkehr von Technik lösen. Würden wir in die Steinzeit zurückkehren, würden wir sehr schnell die letzten Bäume verbrennen, um uns am Feuer zu wärmen und das Problem nur verschärfen. Der Weg zurück ist versperrt. Uns bleibt nur die Flucht nach vorne.

Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz?
Ich erwarte nicht, dass künstliche Intelligenz den Menschen degradiert, aber natürlich werden Alexa und Co. immer stärker in unseren Alltag einsickern und ihn tief greifend verändern, oft, ohne dass wir es wahrnehmen.

Verliert der Mensch durch künstliche Intelligenz seine Einzigartigkeit?
Die gesamte Menschheit wird regelmäßig gekränkt. Nach Darwin besteht die biologische Kränkung darin, dass der Mensch vom Affen abstammt und nach Freud die psychologische Kränkung darin, dass ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens sich der Kenntnis und der Herrschaft des bewussten Willens entzieht. Und jetzt kränkt es die Menschen, dass Computer bestimmte Aufgaben besser lösen, als sie selbst. Dabei sind wir heute noch sehr weit davon entfernt, dass Computer Menschen simulieren können. Auch wenn in den USA bereits Computer zu Hilfe gezogen werden, um zu entscheiden, ob ein Angeklagter mit einer Bewährungsstrafe davonkommt oder in den Knast muss. Und im Krieg entscheiden Drohnen aufgrund der gesammelten Informationen relativ autonom, ob sie Menschen angreifen oder nicht. Selbstverständlich macht diese Fehlentwicklung Angst. Dabei gibt es keine Computer, die – wie in Matrix – irgendwann ihre eigene, vielleicht böse, Agenda verfolgen. Dahinter stecken immer Menschen, die diese Computer programmiert haben und sie bedienen.