Hamburg: 21.10.2016

Autor: Philipp Hedemann

Im OP mit Daniel Düsentrieb

Ein Chirurg sagt, was er beim Operieren dringend braucht. Ein Erfinder hört zu – und fängt an zu konstruieren. Gemeinsam erschaffen die beiden chirurgische Navigationsinstrumente, die das Leben tausender Patienten erleichtern.

Konzentriert führt Christopher Bohr eine kleine Zange in das rechte Nasenloch einer Patientin ein. Wucherungen tief in den Nasennebenhöhlen lassen die 45-Jährige seit Jahren schwer atmen und schlafen. Zwar können die Wucherungen operativ vollständig entfernt werden, doch der Eingriff ist nicht ohne Risiken. Denn Bohr muss teilweise unmittelbar an der Schädelbasis operieren. Ein Millimeter kann hier zwischen Erfolg und lebensbedrohlicher Komplikation entscheiden. Das größte Problem: Auch der erfahrene Operateur kann in seltenen Fällen schwer erkennen, wie weit er schon in die Nase eingedrungen ist. Doch auf einem Bildschirm im Operationssaal der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Erlangen sieht Bohr millimetergenau und in Echtzeit, wo sein Schneidewerkzeug sich befindet. Im Kopf des High-Tech-Instruments befindet sich ein Sensor, mit dem das Gerät genau navigiert werden kann.

Modellpatient: Vor dem Einsatz im OP liegt bei Fiagon eine lange Entwicklungsphase.

Professor Christopher Bohr ist ein international anerkannter Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Er hat die brandenburgische Medizintechnik Firma Fiagon darin unterstützt, ihre Technologie weltweit erfolgreich zu machen. Weil Ärzte, Ingenieure und IT-Spezialisten bei der Entwicklung der neuen Operationstechnik eng zusammenarbeiten, konnte bereits vielen Menschen geholfen werden.

„Wir Ärzte sagen den Entwicklern ganz genau, welche Ansprüche wir an ein System haben.“

Während Bohr mit geübten Bewegungen und Blick auf den Monitor die Wucherungen entfernt, schaut Timo Krüger ihm über die Schulter. Er hat das von Bohr verwendete Navigationssysteme zusammen mit den mittlerweile 56 Mitarbeitern der Fiagon AG entwickelt.

So wie heute stand er dafür Hunderte Male in Operationssälen auf der ganzen Welt und sah Medizinern bei ihrer Arbeit zu. Nach den Eingriffen setzt er sich mit den Ärzten zusammen und löchert sie mit Fragen.

Wie bist Du mit dem neuen Sensor klargekommen? Was können wir noch verbessern? Welche weiteren Features wünschst Du Dir, um noch präziser operieren zu können?“

„Wenn Praktiker und Theoretiker so zusammenarbeiten, ist das für alle Beteiligten sehr gewinnbringend.“

All das will Krüger von Bohr wissen. Der promovierte Vermessungstechniker und der habilitierte Mediziner kennen sich seit Jahren, schätzen aneinander Fachkenntnis, Ehrlichkeit und die Offenheit, sich auf vollkommen Neues einzulassen.

„Als wir den ersten Prototyp gebaut hatten, war es gar nicht so leicht, Top-Chirurgen zu finden, die bereit waren, unser teures Instrument auszuprobieren. Schließlich hatten diese Ärzte zuvor erfolgreich Tausende Operationen ohne unser innovatives System durchgeführt. Christopher Bohr war einer der Pioniere“, berichtet Fiagon-Gründer Timo Krüger.

Navigiert durch den menschlichen Körper: Unternehmensgründer Timo Krüger am Modell.
Teamwork: Unter Krügers Mitarbeitern sind hochspezialisierte Technik-Experten.
Dresscode bei Fiagon? Gibt es nicht. Arbeitssprache: Englisch. Nur das Ergebnis zählt.
Alte Freunde: Timo Krüger mit Fritz, dem hauseigenen Skelett.

Mittlerweile kamen seine navigierten chirurgischen Instrumente bei mehr als 120.000 Eingriffen in über 500 Krankenhäusern in über 60 Ländern zum Einsatz. Krüger und seinen Kollegen haben die Geräte drei Jahre in Folge den Top-Innovator-Preis, die wichtigste Auszeichnung für innovative deutsche Mittelständler, eingebracht und die Fiagon AG zu einem der erfolgreichsten und am schnellsten wachsenden Start-ups in Deutschland gemacht.

Christopher Bohr und anderen Ärzten, die die Fiagon-Systeme einsetzen, haben sie die Arbeit erleichtert, zehntausenden Patienten haben sie das Operationsrisiko gesenkt und die Behandlungsdauer verkürzt. „Aus der interdisziplinären Zusammenarbeit von Entwicklern und Chirurgen entsteht eine Win-Win-Win-Win-Situation für Ärzte, Patienten, das Sozialsystem und Fiagon“, sagt Krüger, der nicht nur in persönlichen Gesprächen nach Operationen, sondern auch auf Kongressen, Symposien und in E-Mails von Ärzten aus aller Welt Feedback zu seinen Produkten bekommt.

„Wir Ärzte sagen den Entwicklern ganz genau, welche Ansprüche wir an ein System haben, damit wir sie perfekt in unseren Workflow integrieren können. Insofern es technisch umsetzbar ist, baut oder verbessert Fiagon die Geräte anschließend genau nach unseren Vorstellungen. Wenn Praktiker und Theoretiker so zusammenarbeiten, ist das für alle Beteiligten sehr gewinnbringend“, sagt Bohr.

Doch die Zusammenarbeit zwischen auf unterschiedlichen Gebieten hoch spezialisierten Experten ist nicht immer einfach, teilweise gibt es Berührungsängste. Damit Ärzte und Entwickler nicht aneinander vorbeireden, müssen beide Seiten im Dialog weitestgehend auf ihren Fachjargon verzichten. „Uns Ärzten fällt das möglicherweise leichter, denn wir müssen ja auch unseren Patienten allgemeinverständlich erklären, was wir mit ihnen machen“, vermutet Christopher Bohr. Und Timo Krüger pflichtet selbstkritisch bei: „Manche Ingenieure neigen ja dazu, stets die ganze Welt erklären zu wollen. Aber wenn wir mit Ärzten das perfekte Instrument entwickeln wollen, ist es vor allem wichtig, genau zuzuhören und genau hinzugucken. So entsteht neues Wissen“, sagt der Geschäftsführer, der fast die Hälfte des Jahres im Ausland unterwegs ist.

„Es ist wichtig, genau zuzuhören und genau hinzugucken. So entsteht neues Wissen.“

Krüger ist überzeugt, dass es die Kreativität fördert, mit Menschen mit anderen kulturellen und beruflichen Backgrounds zu arbeiten. „Interkulturelle und interdisziplinäre Teamarbeit fordert heraus. Sie gibt aber auch wahnsinnig viele wichtige Impulse“, sagt der Brandenburger, der fließend Englisch spricht. Kommt es bei der internationalen Zusammenarbeit dennoch zu Sprachbarrieren, hat der Technikfreak mit dem Faible für Medizin stets sein iPad dabei. „Die Ärzte können mir so aufzeichnen, wie das Gerät aussehen sollte. Im unserem Entwicklungszentrum tun wir dann alles, um es möglichst genau so umzusetzen“, sagt Krüger.

Auch nach Operationen in Erlangen hat er mit Christopher Bohr oft auf seinem iPad gezeichnet. Als Oberarzt an einer Universitäts-Klinik ist Bohr es gewohnt, dass ihm Medizinstudenten und Kollegen bei der Arbeit im Operationssaal zuschauen. Dass mit Timo Krüger oft auch ein Nicht-Mediziner jeden seiner Handgriffe verfolgt, stört den routinierten Operateur nicht. Bei über 1000 Eingriffen hat er die Fiagon-Navigationstechnik bereits eingesetzt. „Es ist wie beim Autofahren. Ich schalte das Navi auch ein, wenn ich bekannte Strecken fahre, denn es kann mich bespielweise vor Staus oder Sperrungen warnen. Das senkt den Stress und erhöht die Sicherheit. So kommt man schneller und entspannter ans Ziel. Genau so ist es beim Operieren mit navigierten Geräten“, sagt der Hals-Nasen-Ohren-Chirurg.

In der Fiagon-Zentrale in Hennigsdorf am Stadtrand von Berlin arbeiten unterdessen Ingenieure und IT-Spezialisten daran, dass die navigierten Geräte noch präziser und noch benutzerfreundlicher werden. Im 1200 Quadratmeter großen Firmensitz sieht es aus wie in der Werkstatt von Daniel Düsentrieb. Unter Vergrößerungsgläsern löten Männer in weißen Kitteln hochkonzentriert an neuen Prototypen. Die Wände der Labors und Büros sind Tafel und Trophäensammlung zugleich. Urkunden und Auszeichnungen hängen neben komplizierten Diagrammen und Schaubildern des menschlichen Körpers.

In einem Büro, das so aussieht, als sei er gestern eingezogen, steht Timo Krüger und betrachtet Fritz. Fritz ist ein lebensgroßes Plastikskelett. Wenn Krüger darüber nachdenkt, wie man die Anwendungen seiner chirurgischen Navigationsinstrumente weiter verbessern kann, ist Fritz meist das erste Versuchsobjekt. „Wir arbeiten ständig daran, unsere bereits existierenden Produkte weiterzuentwickeln. Gleichzeitig denken wir über the next big thing nach“, sagt Krüger. Nachdem er und seine Mitarbeiter verbesserte oder neu Geräte an Fritz getestet haben und sie nach aufwändigen Tests ins Labors zugelassen wurden, ist Christopher Bohr meist einer der ersten Ärzte, die die neuen Produkte in die Hand nehmen dürfen.

„Je mehr Feedback es gibt, desto schneller können wir uns weiter verbessern. Davon profitieren Ärzte und Patienten. Und wir natürlich auch.“

Doch neben der Kooperation mit Koryphäen wie dem Oberarzt der Universitäts-Klinik, will Fiagon in Zukunft auch die Zusammenarbeit mit kleineren Krankenhäusern in aller Welt ausbauen. In Henningsdorf wird deshalb viel darüber nachgedacht, wie die High-Tech-Geräte möglichst bald in höherer Stückzahl und somit auch kostengünstiger hergestellt werden können. „Je mehr Systeme eingesetzt werden, desto mehr Feedback gibt es, desto schneller können wir uns weiter verbessern. Davon profitieren Ärzte und Patienten. Und wir natürlich auch“, sagt Fiagon-CEO Krüger.

Raum für Innovationen: Jede erfolgreiche Erfindung beginnt mit Kritzeleien am Whiteboard.

Stecknadeln auf einer Weltkarte in seinem Büro zeigen, wo Chirurgen bereits mit den Geräten aus Brandenburg operieren. In Deutschland, Europa, Japan, Singapur, Korea und den USA wird es allmählich eng, in Afrika, Südamerika und weiten Teilen Asiens hingegen gibt es noch große weiße Flecken. Krüger: „Um die Intelligenz des Schwarmes noch besser nutzen zu können, bemühen wir uns, diese Flecken möglichst schnell schrumpfen zu lassen.“