Hamburg: 28.02.2019

Autor: Viktor Szukitsch

Wieso die Milch kaufen, wenn man die Kuh streicheln kann?

 

Gemeinsam grüner werden: Der Buschberghof in Schleswig-Holstein arbeitet nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft. Damit weist er den Weg in eine ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltigere Zukunft – und das schon seit über 30 Jahren. Zeit für einen zweiten Blick.

Salat ist ungerecht. Das wird einem im Alltag nur selten bewusst, aber wenn man eine Weile vor der Gemüseauslage stehen bleibt und gedankenverloren ins Grüne starrt, drängt sich diese Einsicht doch unweigerlich auf.

Der Salat – wie das meiste, was sich neben ihm in den Auslagen türmt – ist unfair, denn er kostet für alle Menschen gleich viel. Die Vorstandsvorsitzende und der Busfahrer zahlen für dieselbe Qualität denselben Preis, und darum kann sich letzterer den richtig guten Salat meist nicht leisten. Und das, obwohl mehr als genug Salat für alle produziert wurde, der dann aber zu einem großen Teil im Müll landet.

Die richtig guten, teuren Produkte sind außerdem zwar „Bio“, was das aber für die Produktion bedeutet, weiß man in der Regel nur so ungefähr.

Wie so oft bei solchen Sachen, ist der Salat nicht selbst schuld an der Misere. Er ist lediglich Teil eines Systems, bei dem alle Instanzen – vom Bauern bis zum Konsumenten – nur auf ihren eigenen, vor allem finanziellen Vorteil bedacht sind. Ein System, das dabei ironischerweise fast allen Beteiligten schadet – nicht zuletzt dem Salat selbst.


Artgerechte Tierhaltung auf Buschberghof (Foto: Wolfgang Schmidt)
Artgerechte Tierhaltung auf Buschberghof (Foto: Wolfgang Schmidt)

Die Revolution startet auf dem Land

„Wird ein Mensch geboren, hat er das Recht auf einem Stück Boden zu wirtschaften, um sich davon zu ernähren.“ Was beinahe biblisch klingt, stammt von den Machern des Buschberghofs. Der Bio-Bauernhof östlich von Hamburg arbeitet nach dem Prinzip solidarischer Landwirtschaft und bietet damit einen Gegenentwurf zum Systemsalat.

Das Ganze funktioniert so: Der Hof wird von knapp 100 Familien getragen, die jedes Jahr einen festen Betrag bezahlen, um dafür einen Teil des Ertrags an Gemüse, Obst, Brot und Tierprodukten zu erhalten. Zum Beispiel wird festgelegt, dass der Betrieb des Hofs in diesem Jahr 400.000 Euro kosten wird. Umgelegt auf die beteiligten Familien bedeutet das, dass im Durchschnitt für jeden Erwachsen etwas über 100 Euro im Monat anfallen, für jedes Kind etwa 70 Euro. Je nach Haushaltseinkommen sind die Familien angehalten, mehr oder weniger als diesen Richtwert beizusteuern. Wie viel jede Familie jedoch tatsächlich zahlt, steht ihnen frei und bleibt geheim.

Klingt erstmal nicht so, als könne das auf lange Sicht gut gehen. Tut es aber: Das nötige Geld ist seit der Einführung dieses Prinzip immer reingekommen.

Wie alles anfing

Diese Einführung liegt schon eine Weile zurück. Der Buschberghof war 1988 der erste Hof in Deutschland, der auf solidarische Landwirtschaft setzte. Damals wurden die Macher für schrullige Hippies gehalten und das Projekt mit Skepsis beäugt. Würden sich die Bauern nicht auf die faule Haut legen, wenn sie ihr Geld bekämen, bevor auch nur eine Kartoffel geerntet ist? Wieso sollten Menschen freiwillig mehr bezahlen, als sie unbedingt müssen? Und was passiert überhaupt, wenn die Ernte ausfällt?

Inzwischen ist „SoLaWi“ auch in Deutschland keine Kuriosität mehr. Mehr als 100 solcher Höfe findet man hier bereits, Tendenz stark steigend. In den USA ist das Prinzip unter dem Namen „Community-supported agriculture“ (CSA) bereits weit verbreitet. Über 12.000 solcher Projekte gibt es in dem Land, das man gemeinhin eher mit Massentierhaltung und Monokulturen in Verbindung bringt.

Tägliche Arbeit auf Buschberghof (Foto: Wolfgang Schmidt)
Tägliche Arbeit auf Buschberghof (Foto: Wolfgang Schmidt)

Ein System, mit dem man grün werden kann

Von diesen Dingen will man auch am Buschberghof nichts wissen. Hier wird nach Demeter-Maßstäben produziert: Das Futter für die Tiere wird auf dem Hof selbst angebaut, der entstehende Mist düngt wiederum die Felder. Synthetischer Dünger und Pflanzenschutzmittel kommen gar nicht zum Einsatz und auch von Monokultur kann keine Rede sein: Eine große Vielfalt an angebautem Gemüse schont die Böden und sorgt auch im Winter für Abwechslungen auf den Tellern der Mitglieder.

Zum ökologischen Ansatz gesellt sich beim Buschberghof noch ein sozialer. Fast alle Mitglieder des Hofs leben in der Stadt und doch ist unter den Kindern sicher keines, das nicht weiß, wie eine Kuh aussieht (oder denkt, die seien lila). Mitglieder und Landwirte treffen sich bis zu sechs Mal im Jahr zu ausführlichen Besprechungen, Familien sind herzlich eingeladen, bei Erntearbeiten oder Hoffesten mit anzupacken. Vor allem aber wird ein großer Teil der Arbeit auf dem Hof von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen geleistet, die auf dem Gelände wohnen und voll ins soziale Leben dort integriert sind.

Klingt idyllisch… und teuer. Legt man den monatlichen Durchschnittsbeitrag jedoch auf die Produkte um, welche die Mitglieder wöchentlich auf dem Hof abholen und in Eigenregie verteilen, ergeben sich erstaunlich erschwingliche Preise. Das liegt zum einen daran, dass Werbe- und Verpackungskosten fast komplett wegfallen, Transportwege minimal sind und es auch keine Zwischenhändler zu bezahlen gibt. Zum anderen verlangen Supermärkte, die auf Gewinnmaximierung aus sind, natürlich genau so viel für einen Salat, wie sie meinen, maximal verlangen zu können. Beim Buschberghof wird dagegen auf Kostendeckung gearbeitet: Es wird nur so viel produziert, wie auch benötigt wird, und die entstehenden Kosten sind offen einsehbar. Die Mitglieder entscheiden sogar über die Gehälter der Arbeiter auf dem Hof mit.

Eigens hergestellter Käse auf Buschberghof (Foto: Wolfgang Schmidt)
Apfelbäume und Gänse auf Buschberghof (Foto: Wolfgang Schmidt)

Keine sozialistische Utopie

Damit sind „SoLaWies“ auch kein Gegenentwurf zum Kapitalismus an sich: Geld ist hier nicht der Feind, es wird nur auf eine Weise eingesetzt, die allen Beteiligten maximalen Nutzen bringt.

Der Hof selbst kann „Landwirtschaft in Freiheit ohne ökonomischen Zwang“ betreiben, weil die Mitglieder alle Entscheidungen mittragen. So kommt die Milch zum Beispiel von Kühen der Sorte „Angler Rotvieh“. Diese Rasse ist inzwischen extrem gefährdet, weil sie zwar bessere, aber auch deutlich weniger Milch gibt als andere Kühe. Die Bewahrung dieser schönen Tiere lohnt sich nur im Kontext eines solchen Hofs, weil sich die Milch nicht auf dem freien Markt behaupten muss.

Einen trockenen Sommer wie den 2018 stecken solche Höfe außerdem leichter weg als die Konkurrenz. Und das nicht nur, weil die abwechslungsreichen Anbauflächen weniger wetteranfällig sind als Monokulturen. Sondern auch, weil die Mitglieder das Risiko einer Missernte mittragen und das Geld unabhängig von der Erntemenge und -qualität reinkommt.

Das Einzige, was alle Beteiligten dafür aufgegeben haben, ist die Möglichkeit, einen übergroßen Vorteil aus dem Handel zu ziehen. Der Hof kann keine riesigen Gewinne einfahren, die Mitglieder kriegen ihr Gemüse nicht zu unrealistisch niedrigen Konditionen. Keine Supermarktkette wird um einen Euro reicher. Das ist Handel ohne Dumping und Wucher, dafür mit ziemlich viel echtem Tierwohl. Da drängt sich eine Frage auf:

Warum ist das nicht überall so?

Damit solidarische Landwirtschaft funktionieren kann, braucht es vor allem eines: Vertrauen. Jedes Mitglied muss darauf vertrauen, dass alle anderen ebenfalls einen angemessenen finanziellen Beitrag zum Erhalt des Hofs leisten. Gemeinsam müssen sie den Arbeitern auf dem Hof vertrauen, dass sie sich genauso anstrengen, obwohl ihr Gehalt nicht so direkt an den Output gekoppelt ist wie beim gängigen System. Und die Hofbetreiber müssen sich darauf verlassen, dass die Mitglieder auch in ertragsarmen Zeiten zu ihnen stehen.

Anderen Menschen – wildfremden dazu – so viel Vertrauen schenken zu müssen, sind wir heute nicht mehr gewohnt. Und darum wird es sicher nicht einfach, diese Art des Wirtschaftens aus der Nische zu holen. Wenn man sich aber den Buschberghof so ansieht, dann bekommt man das deutliche Gefühl: Es könnte sich lohnen – für uns alle.