Hamburg: 28.11.2019

Autor: Alexander von Tomberg

Brotbier für die Welt

Mit Genuss der Lebensmittelverschwendung ein Zeichen setzen: Das Frankfurter Startup „Knärzje“ hat das erste Brotbier in Deutschland auf den Markt gebracht. Das Zero-Waste-Produkt wird aus aussortiertem Mischbrot gebraut. Für den 33-Jährigen Co-Gründer Daniel Anthes ist das eine Herzensangelegenheit.

„Als ich an einem Sommerabend vor sechs Jahren zu einem Frankfurter Bäcker fuhr, um die alten Backwaren vor dem Müll zu retten, machte es Klick bei mir. Ich hatte mich in einem Foodsharing-Portal eingetragen, dort können bereits abgelaufene Lebensmittel aus dem Einzelhandel abgeholt werden. Ich wollte damit aktiv gegen diese unglaubliche Ressourcenverschwendung vorgehen.

In Deutschland wird jedes fünfte Brot weggeworfen, über zwei Millionen Tonnen Backwaren pro Jahr – umgerechnet 23 Kilogramm pro Verbraucher. Mit diesen Zahlen im Kopf verlud ich die Brotkisten und fragte mich: Muss das echt alles in die Tonne? Kann man das nicht wiederverwenden? Ich hatte einen Bericht über die Herstellung von Brotbier in England gesehen und so kam eins zum anderen: Da ich ein großer Bier-Fan bin und gleichzeitig Brot liebe, hatte ich eine Idee für eine neue Biermarke. Es sollte qualitativ hochwertig und besonders nachhaltig sein. Und da die Welt uns um unsere Backkunst beneidet, sollte altes deutsches Brot die Grundlage sein.

Wir mussten uns da reinfuchsen

Im Frühling dieses Jahres gründete ich mit meinem Freund, dem Betriebswirt Ralf Wagner, das Startup „Knärzje“. Das ist ein hessisch-pfälzischer Ausdruck für das Endstück eines Brotes. Bevor es ernst wurde, hatten wir ein Jahr lang Brotsorten ausprobiert, mit Rezepturen rumgespielt, um den richtigen Geschmack hinzubekommen. Das Brauen mit Weißbrot produziert ein Bier, das eher leicht und süffig ist, Vollkornbrot gibt deutlich mehr Geschmack ab und färbt das Bier rötlich. Wir mussten uns in die Braukunst reinfuchsen, was mir richtig Spaß machte. Mit Mischbrot klappten endlich unsere Brauversuche und weil Mischbrot am meisten von Bäckereien produziert wird, hatten wir den passenden Rohstoff gefunden.

“Bloß kein Craftbier mit Mango- oder Zitrusgeschmack”

Jede Flasche “Knärzje“ enthält somit eine gerettete Scheibe Brot aus einer lokalen Bio-Bäckerei, in der das Brot gesammelt, getrocknet und zerkleinert wird. Die Masse kommt in den Braukessel und macht dort ein Drittel des notwendigen Malzes aus. Jetzt haben wir zwei unterschiedliche Biersorten kreiert: ein Helles mit süffiger, herber Note und ein hopfenbetontes, bitteres Pils. Wir haben viel Wert darauf gelegt, massentaugliche Biere herzustellen, die eine hohe „Drinkability“ aufweisen – so wollen wir viele Menschen zum Nachdenken anregen.

Mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne starteten wir dieses Jahr durch und haben im Frankfurter Raum schon 4.000 Flaschen verkauft. Ralf und ich sind sehr stolz auf diesen Erfolg. Wir planen jetzt Kooperationen mit größeren Brauereien, um „Knärzje“ in den Supermarkt-Handel zu bringen, denn unser nachhaltiges Konzept erfährt gerade eine erfreulich positive Resonanz. Unser Ziel ist es auch, unser Bier „bio“ werden zu lassen.

Wir sind verkappte Weltverbesserer

Eigentlich ist jetzt der Moment gekommen, um das Rezept in einen Tresor zu schließen und die Herstellung patentieren zu lassen. Aber das habe ich nicht vor, weil ich mit dem Brotbier nicht reich werden will. Ich sehe das idealistisch: Wenn die Konkurrenz uns kopiert, ist das für mich kein geschäftlicher Genickbruch, im Gegenteil. Wenn es irgendwann weltweite Brotbier-Sorten mit unserem Rezept geben würde, wäre dies für mich das größte Kompliment. Als Wirtschaftsgeograph habe ich zu Ressourcenmanagement geforscht und viel über die Ausbeutung unseres Planeten erfahren. Sobald der unternehmerische Fokus ausschließlich auf dem Profit liegt, muss an anderer Stelle gespart werden – zu Lasten der Umwelt oder Menschen. Das will ich nicht. Ich bin eben, wie alle meine Freunde immer sagen, mit 33 Jahren immer noch ein verkappter Weltverbesserer.“

Gründer Dan und Ralf
Team von Knärzje

Über Knärzje:
Der Wirtschaftsgeograph Daniel Anthes und der Betriebswirt Ralf Wagner haben 2019 das Startup „Knärzje“ mit Sitz in Frankfurt gegründet. Sie haben ein Brauverfahren entwickelt, um altes Brot in Bier wiederzuverwerten. Mehr unter: www.knaerzje.de
http://www.greentree.at/