Hamburg: 21.10.2016

Autor: Philipp Hedemann

Die Weisheit der Radler

Wie Fahrradfahrer in aller Welt mit einer App Daten sammeln und so Städte lebenswerter machen

Der Fahrtwind weht Pirmin Proier die braunen Haare aus dem Gesicht. „In 130 Meter rechts auf Fahrradweg abbiegen“, sagt die Stimme aus dem Mobiltelefon auf seinem Lenker. Proier biegt ab. „In 100 Meter weiter auf Fahrradstreifen“, Proier schaltet einen Gang hoch, tritt in die Pedale und saust an der Kolonne wartender Autos vor einer Ampel vorbei. „Straße überqueren“, sagt die Stimme unbeirrt. Proier hat jetzt freie Fahrt, er grinst. Die neue Fahrradstrecke funktioniert, spart wertvolle Minuten und Straßen mussten dafür nicht gebaut werden.

Berlin, wie ein Fahrradexperte es sieht: Im blauen Bereich analysiert die „Bike-Citizens“-App den Rad-Verkehr.
Das „Bike-Citizens“-Büro in Berlin: Neben Graz ist die deutsche Hauptstadt der wichtigste Standort der Gründer.
Teamwork: 30 Mitarbeiter treiben bei „Bike Citizens“ Stückls Idee voran, die Innenstädte lebenswerter zu machen.

Das Beispiel in Wien zeigt, wie die Zukunft des Fahrradfahrens funktioniert. Menschen wie Pirmin Proier zeichnen ihre Radrouten mit einer App auf. Erst einer, dann ein paar Hundert, schließlich Millionen. Die Informationen des Einzelnen verschmelzen in der Masse zu einer höheren Weisheit, die das Fahrradfahren für Jedermann einfacher macht.

In Wien bei Pirmin Proier war es ein für den Verkehr gesperrtes riesiges Areal rund um ein Krankenhaus. Wer hier etwa auf dem Weg zur Arbeit vorbeiwollte, musste einen langen Umweg fahren. Den Wiener Stadtplanern war das Problem überhaupt nicht bewusst, wie hätten sie auch davon erfahren sollen? Mit den Daten aus der App von Pirmin Proier aber wurde das Problem schnell sichtbar. Die Stadt hob die Sperrung für Fußgänger und Fahrradfahrer auf.

Eine neue Lebensader durchzieht nun das Viertel. Die Fahrradpendler am Morgen sparen einige wertvolle Minuten, das Rad als Verkehrsmittel gewinnt an Attraktivität, der Großstadtverkehr ist um ein paar hundert Autos entlastet.

„Weil Menschen ihr Wissen teilen.“

Weil Experten wie Pirmin Proier dieses Wissen aufsaugen und verarbeiten.

Weil schon Aristoteles vor zweieinhalbtausend Jahren wusste, was uns die Digitalisierung heute täglich lehrt: Dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

In der Welt von Pirmin Proier und seinen Kollegen der App-Erfinder von „Bike Citizens“ sind Heatmaps das Ganze, dessen Einzelteile die Fahrradfahrer liefern. Heatmaps sind digitale Stadtpläne, die visualisieren, wer wann wo wie schnell fährt.

Rund 300.000 Menschen in über 400 Städten in 40 Ländern nutzen mittlerweile die speziell für Fahrradfahrer entwickelte App „Bike Citizens“. Egal, ob man schnell oder gemütlich, mit dem Rennrad oder dem Mountainbike, auf verkehrsberuhigten Nebenstraßen oder auf der schnellsten Verbindung unterwegs sein möchte – die Applikation findet für jeden Radler die optimale Route.

Aus den anonymisierten Daten der App-Nutzer erstellt Stückls Team Heatmaps, die visualisieren, wo Radler wie schnell unterwegs sind.

75 Prozent der User ziehen dabei eine leuchtende Spur hinter sich her. Zumindest virtuell. Denn ihre App überträgt die Daten über die zurückgelegten Strecken anonymisiert an die Bike Citizens-Server. Aus bislang 700.000 Fahrten in Europa, Nord- und Südamerika, Asien, Australien und Afrika und insgesamt vier Millionen zurückgelegten Kilometern konnten so bislang – wie in Wien – über 400 Heatmaps erstellt werden. Unterschiedlich helle und breite Linien zeigen darauf an, welche Strecken wann von wie vielen Radfahrern befahren werden.

An diesem erradelten Datenschatz haben Verkehrs- und Stadtplaner aus aller Welt Interesse.

„Je mehr Leute mitmachen, desto größer wird die Datenmenge und desto besser können die Wünsche der Radfahrer erkannt und umgesetzt werden. Für die schnell wachsende Zahl der Radler in Städten werden wir so ein immer wichtigeres Instrument, mit dem sie ihre Stadt mitgestalten können“, sagt Pirmin Proier, der nicht nur gerne Fahrrad fährt, sondern hauptberuflich bei „Bike Citizens“ mit Stadtplanern zusammenarbeitet.

Mit seinen Kolleginnen und Kollegen bringt er Radfahren, Urbanität und Digitalisierung in Einklang. „Dabei wollen wir nicht oberlehrerhaft auftreten und sagen: Ihr müsst jetzt alle aufs Fahrrad umsteigen. Wir wollen die positiven Effekte des Radfahrens darstellen. Denn auf dem Rad ist man in der Stadt gesünder, umweltfreundlicher und meist schneller unterwegs und erlebt dabei seine Umgebung viel bewusster“, sagt der ehemalige Fahrradkurier Andreas Stückl, der das Start-up „Bike Citizens“ vor fünf Jahren mit zwei Freunden und 1.500 Euro Startkapital gründete.

Datenschutz wird bei der Fahrrad-Navigations-App großgeschrieben. Nur, wer sich ausdrücklich einverstanden erklärt hat, überträgt seine anonymisierten Daten.

„Auch, wenn wir ein innovatives Unternehmen sind, gehen wir mit den Informationen sehr konservativ um.“

„Weil wir diese wertvollen Informationen ausschließlich Forschern und Stadtplanern zur Verfügung stellen, die damit die Infrastruktur für Radfahrer verbessern wollen, machen viele aus der Community freiwillig mit. Schließlich können sie selbst davon profitieren“, sagt Stückl.

Bevor „Bike Citizens“ mit Hilfe der App Daten für Heatmaps sammelte, erhoben Städte das Fahrradverkehrs-Aufkommen mit teuren Mess-Stationen und aufwändigen Zählungen. Oder auch nicht. Die Zahlen sagten jedenfalls wenig darüber aus, wie schnell Radler sich von A nach B bewegten und wo sie auf ihrem Weg Probleme hatten. „Weil es kaum belastbare Daten gab, wurden verkehrsplanerische Entscheidungen deshalb einfach aus dem Bauch heraus oder – noch schlimmer – gar nicht getroffen“, sagt Stückl.

Die Heatmaps weisen nun den Stadtplanern den Weg aus diesem Irrgarten.

Doch was hat ein Unternehmen wie „Bike Citizens“ davon, wenn es seine Informationen Forschern und Planern kostenlos zur Verfügung stellt, obwohl andere dafür viel Geld bezahlen würden? „Unser oberstes Ziel ist es, das Radfahren attraktiver und sicherer und unsere Städte dadurch nicht nur für Radler lebenswerter zu machen. Aber natürlich müssen wir als wachsendes Start-up auch Geld verdienen“, sagt Stückl. Das verlangt das junge Unternehmen unter anderem von Städten, die ein spezielles Programm zur Auswertung der Heatmaps nutzen wollen.

Das 30-Mann-Unternehmen mit Niederlassungen in Graz und Berlin hat die Software in Zusammenarbeit mit der European Space Agency und einer Universität aus dem fahrradbegeisterten Holland entwickelt. Bald soll es mit Hilfe des Programms auch möglich sein, präzise Simulationen zu erstellen.

„Wie würde sich die Durchschnittsgeschwindigkeit der Radler erhöhen, wenn ein neuer Fahrradweg gebaut würde?“

Wie würde sich der Aktionsradius eines Fahrradfahrers erhöhen, wenn die Stadt mehr in Fahrradinfrastruktur investieren würde?

Wie komme ich auf zwei Rädern am schnellsten von A nach B?
Die Radler-App hat immer eine Antwort.

Schon jetzt promoten viele Städte die Navigations-App, die die Heatmaps noch genauer machen soll. Denn mit jedem gefahrenen Kilometer ergibt sich für Radler, Städte und „Bike Citizens“ ein Vorteil. „Eine klassische Win-Win-Win-Situation“, sagt Stückl.