Hamburg: 19.12.2019

Autor: Alexander von Tomberg

Wenn das Dorf zur Familie wird

Im saarländischen Mehrgenerationendorf Bietzerberg hat sich eine ganz besondere Gemeinschaft gebildet: Durch engagiertes Vereinsleben bleibt der Generationenvertrag lebendig, Alterseinsamkeit hat keine Chance. Ortsvorsteher Manfred Klein hat das mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnete Projekt ins Leben gerufen.

„In unserem Dorf Bietzerberg war es irgendwann wie in vielen ländlichen Gegenden Deutschlands: Die Jungen wanderten ab, der Einzelhandel starb, Familien suchten sich andere Orte zum Leben, der Ort vergreiste immer mehr. Die Schließung der Grundschule beschleunigte den Prozess. Mir hat diese Entwicklung weh getan, denn ich fühle mich dem 2000-Einwohner-Dorf sehr verbunden. Ich wurde hier vor 60 Jahren geboren und wollte nicht kampflos unsere schöne Gemeinschaft ihrem Schicksal überlassen. Also überlegte ich mir, wie wir uns dieser Herausforderung stellen. Wie kann ich meine Nachbarn überzeugen, dass wir gemeinsam stark bleiben, wenn wir mehr für unser Dorf tun und uns gegenseitig unterstützen? Wie kann Bietzerberg als Heimat für alle Generationen attraktiv bleiben?

Den Zusammenhalt in Bietzerberg stärken

Als Geschäftsführer einer Stiftung, die mehrere soziale Einrichtungen wie ein Altenheim, Kinderheim und ein Krankenhaus unterhält, habe ich viel Kontakt zu Ehrenamtlichen. Ich bewundere diese Menschen, die sich in ihrer Freizeit mit Leidenschaft um Kranke, Kinder und Senioren kümmern und so soziale Kontakte aufbauen. Die Bereitschaft für so ein Engagement wollte ich auch bei uns wecken, um den Zusammenhalt in Bietzerberg zu stärken. Als Ortsvorsteher hatte ich dann die Idee für einen Verein, der für ein neues Lebensgefühl bei uns stehen soll. Im August 2008 gründeten wir „BIETZERBERG miteinander füreinander e.V“. Das ehemalige Pfarrhaus wurde von vielen Freiwilligen aus dem Dorf saniert und ist jetzt das Vereinshaus und auch das Herz in Bietzerberg. Mit einer Umfrage wollten wir genau herausfinden, was die Einwohner ab dem sechsten Lebensjahr bewegt, was sie brauchen, wo wir alle zusammen aktiv werden müssen.

Manchmal fühlt es sich so an, als wenn alle nur darauf gewartet hätten, dass wir aufeinander zugehen und uns unterstützen.

Alterseinsamkeit ist bei uns schon lange kein Thema mehr

Dann ging es Schlag auf Schlag: wir entwickelten eine Kreativwerkstatt, in der die Erwachsenen mit den Kindern basteln. Eine Senioren-Wandergruppe wurde ins Leben gerufen. In unserem Repaircafe werden kaputte Alltagsgegenstände repariert und es ist gleichzeitig ein Treffpunkt für andere Themen, die jeder auf dem Herzen hat. Einmal im Monat veranstalten wir einen Brunch im Vereinshaus, das zum festen Bestandteil des Dorflebens geworden ist. Manchmal fühlt es sich so an, als wenn alle nur darauf gewartet hätten, dass wir aufeinander zugehen und uns unterstützen.

Nachbarn kaufen für die Älteren ein oder fahren Kranke zum Hospital. Die fitten Senioren holen Kinder von der Kita ab und betreuen sie als liebevoller Großeltern-Ersatz weiter. Familien nimmt das unheimlich viel Stress und die Älteren fühlen sich gebraucht. Wir alle wachsen zusammen und Alterseinsamkeit ist bei uns schon lange kein Thema mehr.

Frühstückstreff
Repair Café
Sommercamp

Das neue Wir-Gefühl erinnert mich an meine Jugend

Für die vielen Projekte verpflichten sich die Ehrenamtliche bei uns für mindestens 26 Wochen und acht Stunden in der Woche. Diese Verbindlichkeit ist Voraussetzung, damit die komplexe Organisation klappt. Wir fördern auch mit Erwachsenenbildung die Ehrenamtlichen bei uns im Haus. Als Geschäftsführer der Stiftung habe ich mit der Zeit erkannt, dass die freiwilligen Helfer im Kinderheim oder Krankenhaus irgendwann ausgebrannt sind, weil sie nur im Familienkreis über ihre Erfahrungen sprechen können. Das ist mit der Zeit frustrierend, weil es keine professionelle Unterstützung gibt, um sich über Erlebnisse auszutauschen. Durch unser Hilfsangebot haben wir jetzt einen festen Stamm von über 70 Ehrenamtlichen.

Die Krönung für Bietzerberg war in diesem Jahr, als wir für unsere Arbeit aus über 100 Nominierten den zweiten Platz beim Deutschen Nachbarschaftspreis geholt haben. Das alles macht mich sehr stolz und auch sentimental, da das neue Wir-Gefühl mich an meine Jugend erinnert. Damals hielten alle zusammen und jetzt tun wir das wieder.“

Über BIETZERBERG miteinander füreinander e.V.:
Der Verein „BIETZERBERG miteinander füreinander e.V.“ mit Sitz im saarländischen Bietzerberg wurde 2008 ins Leben gerufen. Das Ziel der Einrichtung ist es, das gemeinsame Dorfleben zu fördern, Generationen zusammenzuführen und die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern.
Mehr dazu unter: http://helf-dahemm.de
http://www.greentree.at/