Hamburg: 30.03.2017

Autor: Christian Litz

Abgefahren

Sie ist eine der schnellsten Skirennläuferinnen Deutschlands. Und fast blind. Noemi Ristau kann Berge hinunterrasen, weil ihr Lucien Gerkau sagt, wann die nächste Kurve kommt. Porträt zweier Spitzensportler, die nur gemeinsam gewinnen können.

Alpine Weltmeisterschaft im italienischen Tarvisio: Noemi Ristau rast den Hang hinunter. Die Skirennläuferin lässt keine Slalomstange aus, fädelt nicht ein und kommt als drittschnellste ins Ziel. Sie gewinnt die Bronzemedaille. Auch wenn sie nicht gerade zu den Favoriten gezählt hatte, ist das eigentlich eine ganz einfache Geschichte. Sie fährt die Piste hinunter, ist schneller als andere, also steht sie auf dem Siegerpodest.

Doch Noemi Ristau ist fast blind. Die 25-Jährige bekam als Kind Morbus Stargardt, eine seltene juvenile Makula-Degeneration gegen die es keine wirkliche Therapie gibt. Die Krankheit ließ sie fast erblinden.

Noemi Ristau gewann die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft der alpinen Paraskifahrer. Sie sieht nichts oder, wenn die Lichtverhältnisse für sie gut sind, so gut wie nichts, „Schattenumrisse“ oder manchmal auch „nur hell und grell“. 

Schlussfahrt: Noemi Ristau und ihr Guide Lucien Gerkau bei der Weltmeisterschaft.

Alleine fahren? Wäre selbstmörderisch. Wie soll sie die Slalomstangen sehen? Wie die vereisten Stellen? Wie die Kuppen und Bodenwellen?

Noemi Ristau braucht einen Übersetzer für die Piste. Einen Dolmetscher von Schnee nach Gefühl. Noemi Ristau braucht Lucien Gerkau. 

„Er fordert mich und das brauche ich. Ich bin oft zu vorsichtig.“

Er ist ihr Begleitläufer, in der Ski-Szene wird das englische Wort Guide benutzt, der Vorfahrer. Eine Sekunde vor Noemi Ristau geht er seit zweieinhalb Jahren immer auf die Piste. Wobei nur ihre Zeit gemessen wird. Die beiden sind per Bluetooth miteinander verbunden, haben Mikrofone und Kopfhörer in den Helmen. Und eine eigene Sprache. Weil es schnell gehen muss, das Tempo ist nun mal entscheidend, reicht ein von Gerkau gerufenes „Hopp“ und Ristau weiß, dass sie jetzt sofort rechts muss. Weil das Hopp davor für links stand. „Kuppe“ ist ein wichtiges Wort. „Schlag, Hart, Eis, weich“ sind andere. Vor allem, so Ristau, „wenn er kantet, höre ich das“.

“Hopp”, “Schlag”, “hart”, “Eis”: Guide Gerkau spricht Kommandos in sein Mikro...
… und Noemi Ristau richtet ihren Kurs danach aus.

Ristau braucht Gerkau. Ohne ihn kein Skifahren, keine Medaille, ohne ihn schafft sie es nicht zu den Paralympics 2018 in Pyeongchang, Süd-Korea.

Aber braucht Gerkau auch Ristau?

Er könnte doch alleine herunterfahren, zum Spaß. Schon, sagt er. Aber er ist ehrgeizig und wäre sonst wohl nie auf einen Platz auf dem Siegerpodest bei einer Weltmeisterschaft gekommen. Das wollte er schon. Sagt er und man sieht das auch, wenn man sich die Sportler-Biografie des 39-Jährigen anschaut: Er war als Jugendlicher Ski-Leistungssportler, fuhr Rennen, kam in den Kader der Studierenden-Nationalmannschaft Deutschlands, gewann aber nicht bei den ganz großen Rennen. 

Er studierte Sport und Informatik, war nebenbei immer Sportler und Sportlehrer: Skitrainer, Wasserski-Läufer, Gleitschirmflieger, Wakeboarder, immer Hochleistungssport. Ein paar Jahre war er Trainer der deutschen Wakeboard-Nationalmannschaft. Ein Wakeboard ist ein Brett, das einem Surfbrett ähnelt. Auf dem steht der Wassersportler, während er wie beim Wasserski von einem Boot oder einer Anlage am Ufer gezogen wird und hohe Geschwindigkeiten erreicht, Sprünge macht, Figuren fahren kann. 

„Er ist auch aufgeregt aber er zeigt es nicht. Aber ich erkenne es sofort.“

Früher aber war Gerkau vor allem Skifahrer mit Zielen und Ehrgeiz. „Als Jugendlicher hatte ich schon Träume wie Olympia und Weltmeisterschaft. Die habe ich nicht erreicht.“ Jetzt aber, mit der Bronzemedaille von Noemi Ristau gibt es die Chance, dass er mit ihr für die Winter-Paralympics 2018 nominiert wird. Und aufs Treppchen fahren, das können die beiden. Sie trainieren 80 Tage im Jahr, viel im Sauerland, wenn das Wetter es nicht hergibt, sind auf Kunstschnee unterwegs. Beide leben in Marburg, fahren von dort aus in Ski-Hallen und Trainingslager.

Gerkau betreibt in Marburg mit seiner Familie eine Sportanlage an einem Bade-See mit Wakeboard- und Wasserskianlage. Noemi Ristau kam als Jugendliche nach Marburg, weil dort die Blista ist, die Deutsche Blindenstudienanstalt. Die macht Skifreizeiten und Ristau fuhr damals mit einer Lehrerin. Nach dem Abitur ging sie für ein Jahr nach Puna in Indien, um an einer Blindenschule als Betreuerin zu arbeiten. 

Zwei, die nur gemeinsam erfolgreich sein können: Ristau und Gerkau trainieren achtzig Tage im Jahr zusammen.
Noemi Ristau hat ein großes Ziel im Blick: Die Paralympics 2018 in Pyeongchang.

Die Lehrerin der Blista, die Noemi Ristau einen Ski-Guide vermittelte, sprach nicht Lucien Gerkau an, sondern Lucien Gerkau und dessen Frau Luise. Die war früher selbst Skirennen gefahren, auch in der deutschen Studierenden-Nationalmannschaft. Anfangs betreuten die beiden Noemi Ristau gemeinsam, fuhren abwechselnd mit ihr die Pisten hinunter. Heute ist Luise Gerkau nur noch Backup. Denn Ristau wurde immer schneller, so schnell, dass sie und ihr Guide perfekt eingefahren sein müssen. Lucien Gerkau ist deshalb inzwischen der einzige Guide und das Duo so schnell, dass die Paralympics ein realistisches Ziel sind.

Gerkau benutzt oft das Wort „Adrenalin“, um die Zusammenarbeit mit Ristau zu beschreiben. Ristau spricht von „gemeinsamem Ehrgeiz“ und „Rhythmus“ und sagt: „Er fordert mich und das brauche ich. Ich bin oft zu vorsichtig.“ Beim Start sei sie „aufgeregt“ und er „sehr cool“. Wobei: Sie kennen sich inzwischen gut, „er ist auch aufgeregt aber er zeigt es nicht. Aber ich erkenne es sofort.“

Wenn Gerkau das Zusammenfahren schildert, klingt es ganz anders: 

„Noemi ist sehr ehrgeizig und sehr, sehr mutig.“

Sie müssen sich viel abstimmen: gemeinsame Sprache, gemeinsamer Ehrgeiz, gemeinsames Timing. Gerkau: „Ein bisschen ist es wie Tandem fahren“, Teamarbeit, „auch wenn es Skifahren ist. Man muss sich ständig abgleichen.“ Was während des Rennens nicht funktioniert, wegen des Tempos. Er hört oft durch das Headset ihr „schneller“ und muss entscheiden. Seine Verantwortung sei hoch, die Herausforderung auch. Das schätze er. Aber es mache vor allem Spaß. 

„Noemi vertraut mir blind.“